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Sagen des klassischen Altertums

Sagen des klassischen Altertums

Titel: Sagen des klassischen Altertums Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gustav Schwab
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Heroldsrufe ergehen ließ, in dem ganzen fünffachen Kampfe der doppelten Rennbahn erschallte jedesmal als Name des Siegers Orestes, der Sohn Agamemnons, des Völkerfürsten vor Troja. Dies war der Anfang der Wettkämpfe.
    Aber wenn ihn die höhere Gewalt der Götter irremacht, so entgeht auch der Stärkste seinem Lose nicht.
    Denn als nun am andern Tage wiederum bei Sonnenaufgang das Wettrennen der geflügelten Rosse seinen 259
    Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
    Anfang nahm, war auch er unter vielen andern Wagenlenkern zur Stelle. Vor ihm waren auf dem Kampfplatz ein Achaier, ein Spartaner und zwei wohlerfahrene Rosselenker aus Libyen erschienen. Auf sie folgte Orestes als der fünfte, mit thessalischen Pferden; dann, mit einem Viergespann von Braunen, kam ein Ätolier; als siebenter ein Wettrenner aus Magnesia, der achte ein Kämpfer aus Ainia mit schönen Schimmeln, beide Thrakier; aus Athen ein neunter und zuletzt auf dem zehnten Wagen saß ein Böotier. Nun schüttelten die Kampfrichter die Lose, die Wagen wurden in der Ordnung aufgestellt, die Trompete gab das Zeichen, und dahin jagten sie alle, die Zügel schwingend und den Rossen Mut einrufend. Das Erz der Wagen dröhnte, der Staub flog empor, keiner sparte die Geißel. Hinter jedem Wagen schnaubten schon die Rosse eines andern. Man war bereits beim siebenten Umlauf. Orest hat es jedesmal, wenn er die Zielsäule umfahren mußte, verstanden, nur leise mit der Nabe anstreifend den Bogen zu nehmen, das Handpferd links straff im Zügel, rechts das äußere locker lassend. Noch flogen die Wagen alle mit gutem Glück dahin, da wurden die hartmäuligen Pferde des Ainianer scheu und rannten gegen den Wagen des Libyers an.
    Durch diesen einen Fehler geriet alles in Verwirrung, Wagen stürzten an Wagen; und bald war das Feld mit Trümmern bedeckt. Nur der kluge Athener wich seitwärts, hemmte seine Rosse und ließ im innern Kreise den Strudel der Wagen sich ineinanderwühlen. Hinter ihm drein kommend, trieb als der letzte Orestes seine Rosse an. Wie dieser nun alles gestürzt und in Unordnung und den Athener allein noch übrig sieht, klatscht er mit der Peitsche seinem Viergespann ins Ohr, und so fährt bald, beide Führer im Sitz aufrecht und vorgelehnt, das kühne Paar miteinander in die Wette. Jetzt nahte die letzte Säule. Orestes war auf der langen Bahn glücklich vorwärts gekommen und ließ, auf dies sein Glück vertrauend, allmählich auch mit dem innern Zügel nach. So wandte sich sein linkes Roß zu früh, bog um und streifte kaum merklich die Säule der Bahn. Und doch war der Stoß so groß, daß die Nabe mitten durchbrach, der Arme vom Wagensitze glitt und an seinem Zaume dahingeschleift wurde. Als er auf den Boden sank, flogen seine Rosse in wilder Flucht über den Sand; das Volk jammerte laut auf, denn der schöne Jüngling wurde bald am Boden hingeschleift, bald streckte er seine Glieder gen Himmel. Endlich hemmten die Wagenlenker selbst mit Mühe sein Gespann und lösten den Geschleiften ab, der so mit Blut befleckt, so entstellt war, daß selbst seine Freunde den Leib nicht mehr erkannten. Der Leichnam wurde sofort schleunig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und wir Abgeordneten aus Phokis bringen in einer kleinen Urne von Erz den jämmerlichen Überrest seines sittlichen Leibes, damit sein Vaterland ihm ein Grab gönne.«
    Der Bote endete: Klytämnestra aber fühlte sich von widersprechenden Gefühlen bewegt; sie sollte sich eigentlich über den Tod des gefürchteten Sohnes freuen; aber doch regte sich das Mutterblut mächtig in ihr, und ein unwiderstehlicher Schmerz verkümmerte ihr das Gefühl der Sorglosigkeit, dem sie sich mit dieser Nachricht endlich hingeben zu dürfen glaubte. Elektra dagegen war nur von einem Gefühle, dem grenzenlosesten Jammer, besessen und machte diesem in lauten Wehklagen Luft. »Wohin soll ich fliehen?«
    rief sie, als Klytämnestra mit dem Fremdling aus Phokis in den Palast gegangen war; »jetzt erst bin ich einsam, jetzt erst des Vaters beraubt; nun muß ich wieder die Dienstmagd der abscheulichsten Menschen, der Mörder meines Vaters, sein! Aber nein, unter demselben Dache mit ihnen will ich künftig nicht mehr wohnen, lieber werfe ich mich selbst hinaus vor das Tor dieses Palastes und komme draußen im Elend um.
    Zürnet einer der Hausbewohner darob? Wohl, er gehe heraus und töte mich! Das Leben kann mich nur kränken, und der Tod muß mich erfreuen!«
    Allmählich verstummte ihre Klage, und sie

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