Sagen des klassischen Altertums
Schiedsrichterin sein, o Göttin, ob ich mit Recht oder Unrecht gehandelt! Auch ich unterwerfe mich deinem Richterspruch!«
Die Göttin schwieg eine Weile nachdenklich; dann sprach sie: »Die Sache, die entschieden werden soll, ist freilich dunkel, daß ein menschliches Gericht nicht damit fertig würde; darum, obwohl ich sterbliche Richter für sie wählen will, ist es doch gut, daß ihr euch mit eurem Rechtsstreit an eine Unsterbliche gewendet. Denn ich selbst will das Gericht versammeln, in meinem Tempel den Vorsitz führen und bei schwankendem Urteil den Ausschlag geben. Inzwischen soll dieser Fremdling unter meinem Schirm unangetastet in unsrer Stadt leben. Ihr aber, finstere, unerbittliche Göttinnen, beflecket diesen Boden nicht ohne Not mit eurer Gegenwart. Gehet hinab in eure unterirdische Behausung und erscheinet nicht eher wieder in diesem Tempel, bis der anberaumte Tag des Gerichtes herbeigekommen sein wird. Einstweilen sammle jede Partei Zeugen und Beweise; ich selbst aber will die besten Männer dieser Stadt, die meinen Namen führt, auslesen und zur Aburteilung dieses Streites bestellen.«
Nachdem die Göttin sodann den Tag des abzuhaltenden Gerichtes festgesetzt hatte, wurden die Parteien aus dem Tempel entlassen. Die Rachegöttinnen gehorchten dem Ausspruche Athenes ohne Murren, ihre Schar verließ den Boden von Athen, und sie stiegen wieder zur Unterwelt hinab; Orestes mit seinem Freunde wurde von den Bürgern Athens gastlich aufgenommen und verpflegt.
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Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
Als der Gerichtstag erschienen war, berief ein Herold die auserwählten Bürger der Stadt auf einen Hügel vor derselben, der dem Ares heilig war und deswegen der Areopag oder Aresberg hieß, wo die Göttin in Person ihrer harrte und Klägerinnen und Angeklagter bereits sich eingefunden hatten. Aber noch ein Dritter war erschienen und stand dem Angeklagten zur Seite. Es war der Gott Apollo. Als die Erinnyen diesen erblickten, erschraken sie und riefen zornig: »König Apollo, kümmere du dich nicht um unsere Angelegenheiten! Sprich, was hast du hier zu schaffen?« »Dieser Mann«, erwiderte der Gott, »ist mein Schützling, der in meinem Tempel zu Delphi sich in meinen Schirm begeben, und ich habe ihn von dem vergossenen Blut entsündigt. Darum ist es billig, daß ich ihm beistehe; und so bin ich denn erschienen, einesteils für ihn zu zeugen, andernteils als sein Anwalt vor dem ehrwürdigen heimlichen Gerichte dieser Stadt aufzutreten, das meine himmlische Schwester Athene versammelt hat. Denn ich bin es, der ihm den Mord der Mutter als eine fromme, den Göttern wohlgefällige Tat angeraten hat.« Mit solchen Worten trat der Gott seinem Schützling noch näher. Die Göttin erklärte nun das Gericht für eröffnet und forderte die Erinnyen auf, ihre Klage vorzubringen. »Wir werden kurz sein«, nahm die Älteste unter ihnen als Sprecherin das Wort. »Du, den wir verklagen! beantworte uns Frage um Frage: Hast du deine Mutter umgebracht oder leugnest du's?« »Ich leugne nicht«, sprach Orestes, doch erblaßte er bei der Frage. »So sprich, wie hast du's vollbracht?« »Ich habe ihr«, antwortete der Angeklagte, »das Schwert in die Kehle gebohrt.« »Auf wessen Rat und Anstiften hast du es getan?« »Der hier neben mir steht«, erwiderte Orestes, »der Gott, hat mir's durch einen Orakelspruch befohlen; und er ist da, mir dies zu bezeugen.« Darauf verteidigte sich der Orestes kürzlich gegen die Richter, daß er in Klytämnestra nicht mehr die Mutter, sondern nur die Mörderin des Vaters gesehen; und Apollo ließ eine längere und beredtere Verteidigung folgen. Die Rachegöttinnen blieben auch nicht stumm, und wenn der Gott mit schwarzen Farben den Mord des Gatten den Richtern vor Augen gestellt, so schilderten sie dagegen den Frevel des Muttermordes. Und als ihre Rede zu Ende war, sagte die Sprecherin: »Jetzt haben wir alle unsere Pfeile aus dem Köcher versendet; wir wollen ruhig erwarten, wie die Richter urteilen werden.«
Athene hieß die Stimmsteine, jedem einen schwarzen für die Schuld, einen weißen für die Unschuld des Beklagten, unter die Richter verteilen; die Urne, in welche die Steine zu legen waren, wurden in der Mitte des umzäunten Platzes aufgestellt; und ehe die Richter sich zum Abstimmen anschickten, sprach die Göttin noch von der erhöhten Stelle herab, auf welcher sie als Vorsitzerin des Gerichtes ihren Thronsessel eingenommen hatte, indem sie sich aus demselben erhob
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