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Sagen des klassischen Altertums

Sagen des klassischen Altertums

Titel: Sagen des klassischen Altertums Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gustav Schwab
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Himmel, als auf die Priesterin der Artemis, die an der Schwelle ihres Tempels stand, ein Rinderhirt, der mit schnellen Schritten vom Meergestade herbeigeeilt kam, zuschritt. Er brachte die Meldung, daß ein paar Jünglinge, wohlgefällige Schlachtopfer der Göttin Artemis, am Ufer 267
    Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
    gelandet seien. »Bereite nur, erhabene Priesterin«, sprach er, »je eher, je lieber das heilige Wasserbad und schicke dich zu dem Werke an!« »Was für Landsleute sind die Fremdlinge?« fragte Iphigenia traurig.
    »Griechen«, erwiderte der Hirt, »weiter wissen wir nichts, als daß der eine von ihnen Pylades heißt und daß sie unsre Gefangenen sind.« »Laßt hören«, fragte die Priesterin weiter, »wo geschah's, und wie finget ihr sie?« »Wir badeten eben«, erzählte der Hirt, »unsre Rinder im Meere und warfen eins ums andere in das Wasser, das strömend durch die Felsen fällt, welche man die Symplegaden heißt. Es findet sich dort ein hohler, durchbrochener, stets vom Wasser beschäumter Felssturz, eine Grotte für die Schneckenfischer. Hier gewahrte ein Hirte von unsrer Schar zwei Jünglingsgestalten; sie kamen ihm so schön vor, daß er sie für Götter hielt und vor ihnen niederfallen wollte. Ein anderer aber, der neben ihm stand, ein frecher, ungläubiger Mensch, war nicht so töricht; er lachte, als er seinen Kameraden die Knie beugen sah, und sprach: ›Siehest du denn nicht, daß es schiffbrüchige Seeleute sind, die sich in jene Felsenkluft gelagert haben, um sich zu verbergen, weil sie voll Angst von dem Gebrauche gehört haben, daß wir hierzulande die Fremden, die an unsern Strand geraten, zu opfern pflegen?‹ Diese Rede gefiel der Mehrzahl, und wir schickten uns an, Jagd auf die Opfer zu machen. Da trat der eine der Fremdlinge zu der Felskluft heraus, schüttelte sein Haupt und warf es wild umher, Arme und Hände schlotterten ihm; laut aufstöhnend, vom Wahnsinne gepackt, rief er: ›Pylades, Pylades! siehest du dort nicht die schwarze Jägerin, den Drachen aus dem Hades, wie sie mich zu morden begehrt, wie sie mit den wilden Schlangen züngelnd auf mich zufährt?
    Und dort die andre, die Feueratmende, die hat ja meine eigene Mutter im Arm und drohet sie auf mich zu schleudern! Wehe mir! Sie erwürgt mich! Wie soll ich ihr entfliehen?‹ Von allen diesen Schreckbildern«, fuhr der Hirte fort, »war weit und breit nichts zu sehen, sondern er hielt wohl das Gebrüll der Rinder und das Hundgebell für Stimmen der Erinnyen. Uns aber faßte alle ein Schrecken, zumal da der Fremdling sein Schwert von der Seite zog und sich wie rasend auf die Rinderschar warf und ihnen das Eisen in die Bäuche stieß, daß sich bald die Meeresflut rot färbte. Endlich ermannten wir uns, bliesen mit unsern Muscheln das Landvolk zusammen und nahten uns den bewaffneten Fremdlingen in einem geschlossenen Haufen. Der Rasende, den die Zuckungen des Wahnsinns allmählich verlassen hatten, stürzte nun, am Mund von Schaume triefend, zu Boden. Wir alle wandten uns ihm zu mit Werfen und Schleudern, während sein Genosse ihm den Schaum abwischte und seinen eigenen Mantel ihm gewandt um den Leib schlug. Bald aber sprang der Darniedergeworfene mit vollem Bewußtsein wieder auf und wehrte sich seines Lebens.
    Zuletzt jedoch mußten sie der Überzahl weichen, wir umschlossen sie in einem Kreise; die wiederholten Steinwürfe machten, daß ihnen die Waffen aus den Händen fielen und ihre Knie ermattet zu Boden sanken.
    Nun bemächtigten wir uns ihrer und geleiteten sie zu Thoas, dem Beherrscher des Landes. Dieser hatte sie kaum zu Gesichte bekommen, als er auch schon befahl, die Gefangenen dir als Todesopfer zuzusenden.
    Flehe nur, o Jungfrau, daß du recht viel solche Fremdlinge abzuschlachten bekommst, denn es scheinen recht herrliche Griechen zu sein. Tötest du solcher viele, so büßt Griechenland deine Todesangst nach Gebühr, und du bist gerächt dafür, daß sie dich in der Bucht von Aulis umbringen wollten!«
    Der Hirte schwieg und erwartete die Befehle der Priesterin, die ihm auch wirklich auftrug, die Fremdlinge zu holen. Als sich Iphigenia allein sah, sprach sie zu sich selber: ›O Mein Herz, sonst warest du doch immer barmherzig gegen die Fremdlinge, schenktest gerne deinen Stammgenossen eine Träne, sooft dir griechische Männer in die Hände fielen! Nun aber, seit der Traum dieser Nacht mir die bittre Ahnung eingeflößt hat, daß mein geliebter Bruder Orestes das Licht der Sonne nicht

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