Sagen des klassischen Altertums
mehr sieht – nun sollet ihr alle, die ihr nahet, mich grausam finden! Sind doch die Unglücklichen den Beglückten immer abhold! O ihr Griechen, die ihr mich wie ein Lamm zum Opferherde schlepptet, wo mein eigener Vater der Schlächter war! Ha, nie vergesse ich diese Schreckenszeit! Ja wenn Zeus mir mit frischen Winden den Mörder Menelaos einmal herbeiführen wollte und die trügerische Helena . . .‹
Sie ward in ihrem Selbstgespäch unterbrochen durch das Herannahen der Gefangenen, die in Fesseln zu ihr geführt wurden. Als sie dieselben kommen sah, rief sie denen, die sie brachten, entgegen: »Lasset den Fremden die Hände frei; die heilige Weihe, die sie empfangen sollen, spricht sie von allen Banden los. Dann gehet in den Tempel und bestellet alles, was dieser Fall erfordert!« Hierauf wandte sie sich zu den Gefangenen und redete sie an: »Sprechet, wer ist euer Vater, eure Mutter, wer eure Schwester, wenn ihr eine habt, die, jetzt eines so schmucken, stattlichen Bruderpaares beraubt, allein in der Welt stehen soll? Woher kommt ihr, bejammernswürdige Fremdlinge? Ihr hattet wohl eine weite Fahrt bis zu diesen Ufern. Doch bereitet euch zu einer weiteren; denn jetzt geht eure Fahrt hinunter ins Schattenreich!«
Ihr erwiderte Orestes: »Wer du auch immer seiest, o Weib, was beklagst du uns? Wer das Henkerbeil schwingt, dem steht es übel an, sein Opfer zu trösten, ehe er den Streich führt; und wem der Tod ohne Hoffnung droht, dem will auch das Jammern nicht geziemen. Keine Tränen, weder von dir noch von uns!
Laß das Geschick ergehen!«
»Welcher von euch beiden ist Pylades? Das lasset mich zuerst wissen!« fragte nun die Priesterin. »Dieser 268
Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
hier!« sprach Orestes, indem er auf seinen Freund hindeutete. »Seid ihr Brüder?« »Durch Liebe«, antwortete Orestes, »nicht durch Geburt!« »Wie heißest denn aber du?« »Nenne mich einen Elenden«, erwiderte er;
»am besten ist's, ich sterbe namenlos; dann werd ich doch nicht zum Gespötte!« – Die Priesterin verdroß sein Trotz, und sie drang in ihn, ihm wenigstens seine Vaterstadt zu nennen. Als der Name Argos im Ohr klang, zuckte es ihr durch die Glieder, und sie rief heftig: »Bei den Göttern, Freund, stammst du wirklich dorther?« »Ja«, sprach Orestes, »von Mykene, wo mein Haus einst beglückt war.« »Wenn du von Argos kommst, Fremdling«, fuhr Iphigenia mit gespannter Erwartung fort, »so bringst du wohl auch Nachrichten von Troja mit? Ist's wahr, daß es spurlos vertilgt ist? Kam Helena zurück?« »Ja, beides ist so, wie du fragst!«
»Wie geht's dem Oberfeldherrn? Agamemnon, deucht mich, hieß er, der Sohn des Atreus?« Orestes schauderte bei dieser Frage: »Ich weiß nicht«, rief er mit abgewandtem Haupte. »Sprich mir von diesem Gegenstande nicht, o Weib!« Aber Iphigenia bat ihn mit so weicher, flehender Stimme um Nachricht, daß er nicht zu widerstehen vermochte. »Er ist tot«, sprach er, »durch die Gemahlin starb er grausenhaften Todes!« Ein Schrei des Entsetzens entfuhr der Priesterin der Artemis. Doch faßte sie sich und fragte weiter:
»Sprich nur das noch: Lebt des armen Mannes Weib?« »Nicht mehr«, war die Antwort, »ihr eigener Sohn hat ihr den Tod gegeben; er übernahm das Rächeramt für seinen ermordeten Vater; doch gehet es ihm schlimm dafür!« »Lebt noch ein anderes Kind Agamemnons?« »Zwei Töchter, Elektra und Chrysothemis.«
»Und was weiß man von der Ältesten, die geopfert ward?« »Daß eine Hindin an ihrer Statt starb, sie selbst aber spurlos verschwunden ist. Auch sie ist wohl schon lange tot!« »Lebt der Sohn des Gemordeten noch?«
fragte die Jungfrau ängstlich. »Ja«, sprach Orestes, »doch im Elend, vertrieben, überall und nirgends!« »O
trügerische Träume, weichet!« seufzte Iphigenia vor sich hin. Dann hieß sie die Diener sich entfernen, und als sie mit den Griechen allein war, sprach sie flüsternd zu ihnen: »Vernehmet etwas, Freunde, das zu eurem und meinem Vorteil dient, wenn wir einig sind. Ich will dich retten, Jüngling, wenn du mir ein Briefblatt in deine und meine Heimat Mykene, an die Meinigen gerichtet, nehmen willst!« »Ich mag mich nicht retten ohne den Freund«, antwortete Orestes; »ich bin ein Unglücklicher, von dem er nicht gewichen ist. Wie sollte ich ihn in der Todesnot verlassen?« »Edler, brüderlich gesinnter Freund!« rief die Jungfrau. »O wäre mein Bruder wie du! Denn wisset, Fremdlinge, auch ich habe einen
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