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Sagen des klassischen Altertums

Sagen des klassischen Altertums

Titel: Sagen des klassischen Altertums Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gustav Schwab
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Bruder, nur daß er ferne aus meinen Augen ist. – Aber beide kann ich euch nicht entlassen: das duldet der König nimmermehr. Stirb denn du und laß deinen Pylades ziehen; welcher von euch mir das Blatt besorgt – mir gilt es gleich!« »Wer wird mich opfern?«
    fragte Orestes. »Ich selbst; auf Befehl der Göttin«, antwortete Iphigenia. »Wie, du, das schwache Mädchen, schwingst auf Männer dein Schwert?« »Nein, ich benetze nur mit dem Weihwasser deine Locken! Die Tempeldiener sind's, die das Schlachtbeil schwingen. Dein verbranntes Gebein empfängt sodann ein Felsenschild.« »O daß mich meine Schwester bestattete!« seufzte Orestes. »Das ist freilich nicht möglich«, sagte die Jungfrau gerührt, »wenn deine Schwester im fernen Argos weilt. Doch, lieber Landsmann, sorge nicht, ich will deinen Scheiterhaufen löschen und mit Öl und Honig beträufeln und deine Gruft ausschmücken, als wäre ich deine leibliche Schwester! Jetzt aber laß mich gehen, die Zuschrift an die Meinen zu bestellen!«
    Wie die Jünglinge allein, nur in der Ferne von Dienern bewacht waren, hielt sich Pylades nicht länger:
    »Nein«, rief er, »bei deinem Tode leben kann ich nicht! Diese Schmach verlange nicht von mir. Ich muß dir in den Tod folgen, wie ich dir aufs weite Meer gefolgt bin. Phokis und Argos würden mich der Feigheit zeihen. Alle Welt – denn böse ist die Welt – würde sagen, um die Heimat mir zu gewinnen, hätte ich dich verraten, dich getötet, dir nach dem Reich, nach dem Erbe getrachtet, zumal da ich dein künftiger Schwager bin und um deine Schwester Elektra ohne Mitgift gefreit habe. Jedenfalls also will ich, muß ich mit dir sterben!« Orestes wollte nichts von diesem Entschlusse hören, und noch stritten sie, als Iphigenia, das beschriebene Blatt in der Hand, zurückkehrte. Als sie den Empfänger Pylades hatte geloben lassen, daß er den Brief gewiß den Ihrigen abliefern wolle, und dagegen geschworen, ihn zu retten, besann sich die Jungfrau, und auf den Fall, daß das Schreiben durch irgendeinen Unglücksfall von der See verschlungen würde, während der Überbringer mit dem Leben davonkäme, wollte sie ihm den Inhalt überdies auch noch mündlich mitteilen. »Melde«, sprach sie, »dem Orestes, dem Sohne des Agamemnon: Iphigenia, die in Aulis vom Opferherde entrückt wurde, lebt und bestellet an dich, was folgt.« »Was höre ich«, fiel ihr Orestes ins Wort, »wo ist sie? Steht sie von den Toten auf?« »Hier steht sie«, sagte die Priesterin; »doch störe mich nicht!
    – ›Lieber Bruder Orestes! Ehe ich sterbe, hole mich aus der fernen Barbarei nach Argos; erlöse mich vom Opferherd, an dem ich im Dienste der Göttin die Fremdlinge morden muß. Tust du es nicht, Orestes, so seien du und dein Haus verflucht!‹«
    Die beiden Freunde konnten lange vor Staunen keine Worte finden, bis zuletzt Pylades das Blatt aus ihren Händen nahm und gegen den Freund gewendet, ihm den Brief überreichend, ausrief: »Ja, ich will den Eid auf der Stelle halten, den ich geleistet. Da nimm, Orestes, ich händige dir das Schreiben ein, welches die Schwester Iphigenia dir überschickt.« Orestes warf es auf den Boden und umschlang die Wiedergefundene mit den Armen. Sie wollte ihm wehren, sie konnte es nicht glauben, bis Erzählungen aus der innersten 269
    Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
    Geschichte des Atridenhauses ihn ihr als denjenigen beglaubigten, als der er von Pylades bezeichnet ward.
    »O Geliebtester!« rief die Jungfrau jetzt, »denn das bist du und nichts anderes, du der Meine, der Meine, der einzige, der Bruder! Aus dem geliebten Argos kommend! Wie jugendlich zart warest du, als ich dich verließ, im Arme des Pflegers ruhend, sorglos und glücklich! Ja, glücklich, wie wir beide in diesem Augenblick es sind.« – Doch Orestes war schon zur Besinnung gekommen, und sein Antlitz hatte sich umwölkt. »Freilich sind wir jetzt glücklich«, sprach er, »aber wie lange wird es währen? Ist nicht der Jammer, der Untergang uns gewiß?« Auch Iphigenia bedachte sich voll Unruhe: »Was ersinne ich nun«, sagte sie bebend, »wie erlöse ich dich aus dem Reiche des Barbarenfürsten, wie sende ich dich frei vom Tode nach Argos zurück, daß du nicht mitsamt deinem Freunde am Opferherde dem Stahl erliegen mußt? Aber schnell, ehe der Herr dieses Reiches, ungeduldig über den verzögerten Tod der Gefangenen, erscheint, erzähle mir, Bruder, und verschweige mir nichts von den entsetzlichen Ereignissen in

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