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Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
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ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes.
     
    «Könnte ich doch nur an Ihrer Stelle gehen, Miss Spoon», sagte Can o’ Beans mitleidig.
    «Na, ich bin heilfroh, dass es nich mich erwischt hat», sagte Dirty Sock. «Aber Sie werden es schon hinkriegen, Süße. Sie sind zu klein zum Scheißelöffeln und zu groß zum Kokainlöffeln. Kein Mensch in New York wird was von Ihnen wollen. Also marschieren Sie los, und machen Sie Ihre Sache gut. Verhelfen Sie der Welt zu mehr Demokratie. Denken Sie an das Alamo. Verdammte Torpedos! Sie haben keine Fragen zu stellen, sie haben nur zu kämpfen und zu …»
    Painted Stick fauchte etwas auf phönizisch, was die Socke unmöglich übersetzen konnte, aber sie ahnte vage, was gemeint war, und hielt den Mund.
    Spoon war längst verstummt. Sie hatte schon seit Stunden kein Wort mehr herausgebracht. Sie stand einfach neben dem Gitter und zitterte, als hätte sie den ganzen Tag in Patsys Hühnchensülze verbracht.
    Der Plan war relativ einfach. Wenn die Sonne unterging und die Schatten von St. Patrick’s den nächsten halben Block der Fifth Avenue in ein Kohlerevier verwandelten, unmittelbar bevor Turn Around Norman seine Erdachsendrehung ohne Applaus und Quietschgeräusch beendete, sollte Spoon sich durch das Gitter zwängen (wobei sie Bonbonpapierchen und aufgeweichte, vom Wind herangewehte Scientology-Flugblätter fortschieben würde wie einen Schleier), so schnell und unauffällig wie möglich die fünf Meter zwischen dem Fenstergitter und Normans Standort entlangschleichen und, kurz bevor er sich bückte und seine Sammelbüchse aufhob, dort hineinspringen.
    Wie fast überall kam es auch hier auf das richtige Timing an.
    Mittlerweile kannten die Objekte genau wie Ellen Cherry Normans Bewegungsabläufe in- und auswendig und konnten daher ziemlich genau vorhersagen, wann er seine Vorstellung abschließen und sich mit dem Tageserlös auf den Heimweg machen würde. Jetzt, als die Wimpern seiner Schlafpuppenaugen zu flattern begannen wie die einer aufziehbaren Jezabel, als sich die schraubverschlossenen Gesichtszüge entspannten und ein wenig von der Sanftmut eines Korkens annahmen, als sich der verkniffene Mund öffnete und die gewaltig blauen Augen fokussierten, stieß Painted Stick Spoon in die Seite, gab Conch Shell ihr ihren Segen, und
klimper klirr
, schon war sie durchs Gitter und schoss den Bürgersteig entlang wie ein Silberpfeil von einem Spielzeugbogen.
    «Bon voyage»
, flüsterte Can o’ Beans.
    «See y a later, alligator»
, rief Dirty Sock.
    Spoon hörte sie nicht. Panischer denn je zuvor in ihrem Leben, hörte sie nichts als das feine Klimpern und Klirren ihres Körpers auf dem Pflaster, und dieses Geräusch schien ihr in ihrer Angst und Erregung dermaßen übermächtig, dass sie das Gefühl hatte, es müsse den mechanisch donnernden Verkehrslärm der Rushhour noch übertönen. «Liebe Güte! O heilige Maria, Muttergottes!»
    Klimper, klirr.
Es waren keine zwei Meter mehr, da spürte sie Schritte hinter sich, so nah, dass sie fürchtete, jeden Augenblick platt getreten zu werden. Sie warf einen hastigen Blick über die Schulter, kam vom Weg ab, stolperte über den Rand der ersten Stufe vor der Kathedrale und verlor den Halt.
    «Was ist
das
denn?», hörte sie jemanden rufen (oder zumindest glaubte sie das). Ein Schatten fiel über sie (dabei war sie bereits im Schatten), und dann spürte sie (oder glaubte zu spüren), wie eine raue, neugierige Hand sich herabsenkte, um sie vom Pflaster aufzuheben.
    In heller Panik, atemlos und unfähig zu denken, machte sie einen verzweifelten Satz in das nächstbeste geschützte Eckchen – zufällig die halb geöffnete Papiertüte, die zu Ellen Cherrys Füßen stand.
    Und während Turn Around Norman die spärlichen Tageseinnahmen in die Tasche steckte und in der Menge untertauchte, lag Spoon im Dunkeln, neben einer Portion in Alufolie gewickeltem
shish tawook
, und bibberte so heftig, dass ein vorüberkommender Passant hätte meinen können, die Tüte steckte voller Mäuse.
     
    Es war jetzt nach sechs, und die Billionen Teilchen, aus denen die Atmosphäre von Manhattan bestand, hatten ihre grellen Sportklamotten mit dem Smoking vertauscht. Als Ellen Cherry in der Hoffnung auf Rückstufung zum Isaac & Ishmael’s zurückkehrte, lief sie durch eine Dunkelheit, die fast so finster war wie jene, in der Spoon zitterte. Nur das diskrete Neon der Sushi-Bars oder die blendenden Scheinwerfer der Taxis schlangen den steifen Kragen der

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