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Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
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aufs Sofa und versuchte ein Nickerchen zu machen. Doch jedes Mal, wenn sie gerade eindösen wollte, hatte sie das Gefühl, dass der Löffel auf dem Kaminsims sie beobachtete.
    Schließlich, und obwohl ihr das selbst verrückt vorkam, stand sie auf und steckte den Löffel in die Schublade mit ihrer Unterwäsche. Da lag er nun, neben dem Vibrator. Sie als Mensch hätte sich niemals vorstellen können, welche Unterhaltungen sich aus dieser Begegnung entwickelten.
     
    Nach Silvester (einem berauschend einsamen Silvester, an dem sie schließlich auf die Suche nach Raoul gegangen war, das Diaphragma bereits eingeführt, nur um sich von Pepe erklären lassen zu müssen, dass Raoul freigenommen hatte, Mann, und mit «seiner Band» in Los Angeles war) wurde Ellen Cherry im Isaac & Ishmael’s in die Dinnerschicht versetzt. Praktisch war sie damit zur Cocktailkellnerin geworden, denn die abendlichen Geschäfte im I & I beschränkten sich im Wesentlichen auf die Bar.
    Das Wichtigste war, dass sie überhaupt Geschäfte machten. Als sich das Gerücht von dem monumentalen Fernseher mit der hohen Bildauflösung in der Nachbarschaft verbreitete, kam der eine oder andere Mann einfach so vorbei, aus reiner Neugier, und blieb dann auf einen Drink, um eine Kleinigkeit zu essen, sich zu unterhalten und sich die Sportübertragungen anzusehen. Viele Ausländer, die bei den Vereinten Nationen arbeiteten, fanden Geschmack an amerikanischen Sportarten. Die Wettkämpfe auf einem überdimensionalen Bildschirm zu verfolgen, gleichzeitig vertraute Mittelmeerspezialitäten zu verdrücken und dazu Bier, Wein, starken Kaffee oder Tee aus der Heimat zu trinken – diese Verlockung war einfach zu groß, als dass man ihr lange widerstehen konnte. Nur wenige beschwerten sich über den Bambus. Manche brachten sogar ihre Frauen mit. Am Super-Bowl-Sonntag, als die Bar vom ersten bis zum letzten Platz besetzt war, saßen tatsächlich Griechen neben Türken und Araber neben Juden.
    Ein Super-Bowl-Kicker hätte ein Field Goal in Roland Abu Hadees Rachen platzieren können, so breit war sein Lächeln. Auch Spike Cohen grinste zufrieden, obgleich seine grünen Augen, grüner als das ägyptische Bier, das die Kellner herbeischleppten, grüner als die Gurkenscheiben, die die Teller mit
baba ghanoug
zierten, Augen, die nun überschattet waren von einer langgezogenen, bogenförmigen Narbe, sich häufig abwandten, um die Straße zu beobachten, aber auch die unauffälligen schwarzen Schuhe der beiden Wachmänner, die auf dem frostüberzogenen Bürgersteig auf und ab marschierten, auf und ab, auf und ab.
     
    Als Ellen Cherry und Boomer Petway in ihrem Braten quer durch Amerika gebraust waren, hatten sie auf den Stoßstangen oder Rückfenstern anderer Wagen immer wieder Aufkleber entdeckt, die öffentlich und ziemlich wehleidig verkündeten: «Ich würde lieber Ski laufen.» Oder: «Ich würde lieber Golf spielen.» Einige dieser unzufriedenen Autofahrer wären lieber Drachenfliegen gegangen, andere mussten unbedingt alle Welt darauf hinweisen, dass sie es vorgezogen hätten zu wandern, Volleyball zu spielen, einen Berg zu besteigen, zu segeln, auf einem Maultier zu reiten, Pilze zu sammeln, Bridge zu spielen, Squaredance zu tanzen oder mit Zahnstochern den Eiffelturm nachzubauen.
    «Ich frage mich, was auf
meinem
Aufkleber stehen müsste», hatte Ellen Cherry damals überlegt. «Wahrscheinlich: Ich würde lieber malen.» Sie hatte einen großen Schluck Pepsi Light getrunken. «Und wie steht’s mit dir, Schatz? Was würde auf deinem stehen?»
    Sie hatte den Verdacht gehabt, dass er auf «Ich würde lieber Mösen lecken» oder so was bestehen würde, obwohl sie wusste und glaubte, auch er wüsste tief in seinem Inneren, dass seine Proklamationen sexueller Unersättlichkeit wie die der meisten Männer eine Spur übertrieben waren. Sie war sich nicht mal sicher, ob er sie überhaupt gehört hatte, denn er schien völlig darin vertieft zu sein, die Landschaft zu betrachten, Kühe zu zählen, in Gedanken defekte Heuballenpressen zusammenzuschweißen oder ähnlich Spannendes. Doch Boomer hatte keine Sekunde gezögert. Er hatte das Gesicht zu so einem traurigen, breiten Flunsch verzogen, dass es sich auf dem Rand ihrer sportlich schwitzenden Pepsidose spiegelte, und gesagt:
    «Diese Dinger sind das elendeste Eingeständnis einer Niederlage, das mir je untergekommen ist, jawohl. Wenn mein Leben aus derartigen Kompromissen bestünde, würd ich das bestimmt nicht in aller

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