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Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
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Öffentlichkeit kundtun. Auf meinem Aufkleber würde stehen: ‹Wenn es was gäbe, was ich lieber täte, würd ich’s verdammt noch mal tun.›»
    Ellen Cherry erinnerte sich an diese Unterhaltung, als sie sich jetzt von der U-Bahn zur Arbeit schaukeln ließ. Bis sie von ihrer Station zum I & I gelaufen war, wäre die Super Bowl bereits zu Ende, Gott sei Dank, aber wahrscheinlich würde es eine Menge aufzuräumen geben. Nicht dass sie die Arbeit scheute. Aber um die Wahrheit zu sagen, sie war derart durcheinander, dass sie sich wieder und wieder fragte, was auf ihrem Aufkleber stehen würde, hätte an diesem frischen Januarnachmittag einer auf ihrem Hintern geprangt. Ihr Leben schien leer, nichtssagend, sinnlos – Colonial Pines in Person. Aber ihr fiel einfach gar nichts ein, was sie lieber getan hätte. Jedenfalls nichts, was sie hätte zugeben können.
    I & I

Mehrere Blocks entfernt standen die Objekte am Gitter aufgereiht und fragten sich, wo denn nur alle Welt steckte. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie sich Gedanken über den Verbleib von Ellen Cherry und dem Löffel machten. Die Objekte – Dose und Socke zumindest – dachten häufig an Ellen Cherry und Spoon wie just entwöhnte Zigarettenraucher an ihre verlorenen kleinen Freunde. Heute aber schien die Bevölkerung von Manhattan ebenso vom Erdboden verschluckt zu sein wie ihre Kameradin und ihre potenzielle Wohltäterin. Nichts rührte sich auf der Fifth Avenue, bis auf Turn Around Norman, und der sah aus wie der letzte graue Rauchschleier über den Trümmern von Pompeji.
    Die Gemeinde, die sich um die Mittagszeit zur Messe einfand, war ungewöhnlich klein gewesen und hatte hauptsächlich aus älteren Frauen bestanden, die sich an Gehstöcken aus Mahagoni und dem elektrisierenden Funkeln ihrer Diamanten aufrecht hielten. Die wenigen Männer waren auf und davon gegangen, sobald die Messe zu Ende gewesen war. Selbst der Erzbischof hatte sich hastig zurückgezogen, sich in seine wartende Limousine fallen lassen und dem Chauffeur einen Schlag mit dem Rosenkranz versetzt, wie ein Jockey, der seinen Gaul antreibt. Wozu die Eile? Wo steckten denn nur alle? Conch Shell versuchte Painted Stick klarzumachen, dass sich in Jerusalem nichts von Bedeutung ereignet haben konnte. «Das Zeitalter, das kommen soll, ist noch nicht angebrochen», sagte sie, aber so ganz überzeugend klang das nicht. Die beiden hatten natürlich noch nie von der Super Bowl gehört, und die anderen beiden hatten sie ganz vergessen.
    Schließlich kam ein alter Schlitten angerattert und bremste an der Kreuzung, eine wilde Mischung aus Musik, Qualm und Rost. Als die Ampel umsprang, rumpelte und pumpelte er davon in Richtung New Jersey, doch nicht ohne dass die Objekte einen Aufkleber an seiner Stoßstange entdeckten, der verkündete: «Ich würd lieber feste feiern.» Can o’ Beans hielt das für einen Verstoß gegen die Stilregeln, wenn nicht gegen die der Grammatik, und erklärte: «Trau keinem, der nicht zwischen Substantiv und Adjektiv zu unterscheiden weiß», musste jedoch einen Rückzieher machen, als Dirty Sock grunzte und wie aus der Pistole geschossen antwortete: «Jaja, und schon gar keinem, dem korrekte Grammatik wichtiger ist als ’ne anständige Sause.»
    «Touché», seufzte die Bohnendose. «Obwohl sich im kommenden Zeitalter beides nicht unbedingt ausschließen muss.»
    I & I

Einige Super-Bowl-Fans blieben zum Dinner. Der Alkohol musste sie sehr hungrig gemacht haben oder sehr mutig. Nur Spike Cohen schien sich stets daran zu erinnern, wie gefährlich das I & I sein konnte. Von seinem Posten hinter der Registrierkasse aus behielt er die Straße im Auge, als sei sie ein Schuh aus Krokodilleder, der sich jeden Augenblick in seine vormalige Daseinsform zurückverwandeln könnte. Als ein Laster unter Fehlzündungen um die Ecke zur First Avenue bog, drangen schwache Würgegeräusche aus seiner Luftröhre.
    Doch Spike war umsonst nervös. Abgesehen davon, dass ihnen die Kichererbsen ausgingen, kam es zu keinerlei größeren Katastrophen. Der nächste Abend war sterbenslangweilig. Und dem danach gebrach es ebenso an Action wie einem medizinischen Kolloquium über Verstopfung. In Wahrheit blieb der ganze Winter so friedlich und faul wie eine Python, die einen Valiumabhängigen verdaut. Die vielen Feinde des Restaurants und seiner Politik richteten ihr Augenmerk entweder auf weiter nahöstlich gelegene Ziele oder waren zu dem Schluss gekommen, dass die störrischen Brüder

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