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Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
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Cohen und Hadee den Aufwand einfach nicht lohnten. Auf alle Fälle war Isaac & Ishmael’s erster Auftritt als berühmtestes Restaurant von New York definitiv beendet.
    Auch Ellen Cherry verbrachte einen vergleichsweise ereignislosen Winter. Das einzige Mal, dass die Nadel an ihrem Seismographen ausschlug, war, als Boomer sie am Ende eines seiner immer seltener eintreffenden Briefe informierte, sie könne sich einen Scheck abholen, wenn sie bei der Sommervell-Galerie vorbeiginge.
    Es schien, als sei Boomer aus dem Kibbuz geflogen, nachdem er einen – laut eigener Aussage – «unziemlichen Antrag» gestellt hatte (sie musste grinsen, als sie sich auszumalen versuchte, was der Spinner wohl vorgeschlagen haben mochte), aber er und sein Bildhauerfreund (immer noch kein Hinweis auf das Geschlecht: Es konnte nur weiblich sein) «teilten sich eine Bude» in Westjerusalem, wo sie zusammen an einem Projekt von anscheinend monumentalen Ausmaßen arbeiteten. «Es handelt sich um eine echte Skulptur», schrieb er. «Das müsstest sogar du zugeben.»
    Kurz nach Weihnachten hatte sie ihm geschrieben und ihn klipp und klar gefragt, welche Aufgaben er für Buddy Winkler erfüllte, und jetzt, im frühen Februar, antwortete er:
    Alles, was ich für Bud getan habe, ist, ein paar Schweißerutensilien zu kaufen und sie in einem Keller irgendwo in Ostjerusalem abzuliefern. Es war eine echt ausgerastete Szene. Drei oder vier Rabbis mit langen schwarzen Mänteln, schwarzen Hüten und wolligen schwarzen Bärten saßen in einem Raum, in dem es so finster war, dass man nicht mal Blindenschrift mit einer Taschenlampe hätte entziffern können, und die alten Knaben hockten da und strickten. Klapperten mit ihren langen Nadeln vor sich hin, genau wie deine Mami. Ich hab sie gefragt, ob sie sich auf einen Besuch bei einer werdenden Mutter vorbereiteten, aber sie sprachen kein Wort Englisch, und der Kerl, der mich reingelassen hatte, erklärte, das wären die heiligen Stricker, sie strickten heilige Gewänder für die Hohepriester, die sie tragen würden, wenn der Tempel erst wieder aufgebaut und eröffnet worden sei. Ich fragte ihn, wann das wohl sein würde, und er klopft mir auf die Schulter und sagt, ich höre, Sie schweißen, und ich sage, na ja, kommt auf den Preis an. Er hat gelächelt und mich zur Tür gebracht, und das war’s. Von Bud hab ich seitdem keinen Piepser mehr gehört.
    Ich nehm an, du hast mitgekriegt, wie es auf der West Bank und im Gazastreifen zugeht. Es ist zum Heulen. Jeden Tag werden Kinder angeschossen oder verprügelt. Palästinenser setzten Obstgärten in Brand. Jerusalem ist fickrig wie ein Zappelphilipp im Mixer. Das meistgehörte Wort hier ist Rache. Araber faseln von Rache, Juden faseln von Rache, Alte, Junge, jeder schmiedet seine eigenen kleinen Rachepläne. Ich schwör dir, sie würden ihre Scheißrache sogar einem großen saftigen Steak oder einer Nummer mit einem Filmstar in seidener Bettwäsche vorziehen. Ausgeticktes Volk und ausgetickte Stadt, aber ziemlich interessant. Voll Geheimniskrämerei und Intrigen. Ich hab das Gefühl, hier irgendwo angekommen zu sein. Verstehst du, was ich meine? Es gibt Orte, da geht man hin und hat das Gefühl, überhaupt nicht weg zu sein, aber Jerusalem ist anders, vollkommen anders. Es gibt sogar Geißblatt hier, genau wie in Virginia. Es duftet wie in einer himmlischen Stadt, im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Mieten sind niedrig. Wobei mir einfällt, du hast ja immer noch das Ansonia am Hals. Geh bei Ultima vorbei und hol dir einen Scheck ab.
     
    Alles Liebe, wie immer
    Boomer
    Eher fress ich Parasitensuppe, als bei Ultima vorbeizugehen
, dachte Ellen Cherry, aber der Rausschmiss lauerte im Hintergrund wie ein Sittenstrolch in der U-Bahn-Station, also nahm sie sich am nächsten freien Tag zusammen und ging im dichten Schneetreiben runter zur Fifty-seventh Street. Es gab mindestens so viele Kunstgalerien in der Fifty-seventh Street wie Sushi-Bars in der East Forty-ninth, aber sie versuchte, sie nicht zu beachten. Seit Thanksgiving hatte sie kein Farbpigment mehr angesehen, es sei denn, man zählte die Gemälde, die an jeder Wand ihres Apartments lehnten und ihre blanken Hinterteile zur Schau stellten, als träumten sie von David Hockney. Auch Turn Around Norman hatte sie nicht mehr besucht, ein Versäumnis, das den Objekten im Keller von St. Patrick’s schmerzlich bewusst geworden war. Ob Turn Around Norman ihre Abwesenheit bemerkte, stand allerdings in den

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