Schattensturm
keuchend zu Boden. Pfeile ergossen sich aus seinem Köcher, während er zappelnd und keuchend nach Atem rang. Ein Schaft ragte aus seinem Hals. Veronika schloss kurz die Augen. Es war klar, dass ihm nicht zu helfen war. Ihr erster Toter an diesem Tag. Er würde nicht der letzte sein.
»Wenn es zu gefährlich wird, verteil deine Männer auf die Schießscharten weiter unten!«, befahl sie Yngvar. »Der Feind hat ein paar Meisterschützen!« Dann eilte sie zurück auf den Wehrgang. Ihr Gespür sagte ihr, dass dort bald Schatten auftauchen würden.
»Halloween!«, fluchte Wolfgang. »Seit wann feiern wir hier in Deutschland Halloween?« Es war eine rhetorische Frage, und Wassermann ignorierte sie dementsprechend.
Wobei sie nicht
ganz
rhetorisch war. Wolfgang konnte sich nicht daran erinnern, jemals zu Halloween auf den Straßen gewesen zu sein, nicht einmal daran, dass er überhaupt gewusst hatte, wann Halloween war. Allerheiligen, ja. Aber Halloween? Jedenfalls feierte man das heute offenbar. Immer wieder passierten sie am Straßenrand maskierte Gruppen, und auch der eine oder andere ausgehöhlte und mit einer Kerze versehene Kürbis war zu sehen.
»VORSICHT!«, brüllte er plötzlich.
Den Bruchteil einer Sekunde später knallte mit einem lauten Krachen eine Flasche gegen Wolfgangs Seite der Windschutzscheibe. Das Glas hielt, doch zurück blieb ein feines Netz spinnenwebenartiger Risse.
»Verdammte Affen!«, schrie er.
Wassermann reagierte schon wieder nicht. Der ehemalige Soldat starrte verbissen auf die Straße. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. Ob das wohl am Alkohol lag? Der Mann trank noch immer, zwar weniger, aber er hatte nicht aufgehört. Falls diese Wahnsinnsnacht irgendwann vorüberging und Wolfgang tatsächlich noch Fallschirmjäger übrig hatte, die er mit nach Norwegen nehmen konnte, würde er als Allererstes Wassermann in den Entzug schicken. Ihn fahren zu lassen war ein Risiko, auch wenn Tönnes einmal behauptet hatte, Wassermann würde betrunken immer noch besser Auto fahren als andere nüchtern.
»Wie weit ist es noch?«, fragte Wassermann.
Wolfgang warf einen Blick auf den Plan. »Die nächste links, dann müssten wir sie eigentlich sehen. Und pass auf, da sitzen schon wieder solche Typen am Straßenrand.«
Doch vorerst blieben sie von weiteren Wurfgeschossen verschont. Sie bogen in die Wiechmannstraße ein, eine weitere Gasse einer unübersichtlichen Wohnsiedlung, in der ebenfalls Halloween ausgebrochen war. Misstrauisch hielt Wolfgang nach weiteren Randalierern Ausschau.
»Das sind sie!«, zischte er plötzlich. »Halt an!«
Wassermann stieg ohne wahrnehmbare Reaktionszeit völlig enthemmt auf die Bremse. Die Reifen des alten Mercedes blockierten, so dass sie quietschend zum Stehen kamen. Wolfgang stieß die Tür auf. »Kommt rein!«, meinte er, bevor er die Tür wieder zu zog.
Maria und Stefan kletterten auf den Rücksitz. Er hätte sie beinahe nicht erkannt in ihren skelett-artigen Kostümen, wenn nicht Maria einen Aufnäher vom Roten Kreuz auf der Schulter getragen hätte. An sich war es genial, sich an einem Tag wie diesem der Masse anzupassen. Mit den Totenschädelmasken in ihren Gesichtern konnte man noch nicht einmal erkennen, dass die beiden eigentlich viel zu alt waren für einen solchen Aufzug.
»Und wo genau müssen wir jetzt hin?«, fragte er.
»Das Physikalische Institut«, erklärte Maria, »ist in der Notkestraße, Nummer 85. Ich weiß, wie wir von hier aus hinkommen.«
»Ich auch«, erwiderte Wolfgang. »Aber welches von den Gebäuden ist es? Laut meinem Plan sind das zwanzig Häuser, wenn nicht mehr!«
»Keine Ahnung«, erwiderte Maria. »Ich schätze, wir werden suchen müssen!«
Wolfgang schnitt eine Grimasse. »So habe ich mir das vorgestellt«, murmelte er.
Die Männer schrien vor Anstrengung, als sie sich in den Gabelstecken lehnten. »SCHIEBT!«, brüllte der Krieger vorne. Sein Gesicht war verzerrt und rot angelaufen. Die Männer legten sich noch mehr ins Zeug, und langsam, ganz langsam kippte die Leiter davon. Je weiter sie sich von der Mauer entfernte, desto leichter wurde es, sie davonzustoßen. Bald darauf hörten sie die Schreie der Trolle, die nach unten stürzten.
»Da hängt einer!«, rief einer der Krieger und stürmte zur Brustwehr, wo tatsächlich ein Paar Hände zu sehen war. Der Mann schlug mit der Faust gegen die Finger, bis sich eine Hand löste. »Nein, bitte!«, hörten sie jemanden brüllen, doch der Kriegerschlug weiter
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