Schlaflos - Insomnia
«
»Woher soll ich das wissen?«, fragte Dorrance mit gereizter Stimme. »Ich mische mich nicht ein, das habe ich dir gesagt. Ab und zu überbringe ich eine Botschaft, das ist alles, so wie jetzt. Ich sollte dir ausrichten, dass du den Termin bei dem Nadelpikser absagen sollst, und das habe ich getan. Der Rest liegt bei dir.«
Dorrance sah wieder zu den Bäumen auf der anderen Straßenseite, und sein seltsames, faltenloses Gesicht nahm einen Ausdruck sanfter Ekstase an. Der kräftige Herbstwind kräuselte ihm das Haar wie Tang. Als Ralph ihn an der Schulter berührte, drehte sich der alte Mann bereitwillig um, und Ralph wurde plötzlich klar: Was Faye Chapin und die anderen als Dummheit betrachteten, könnte in Wirklichkeit Freude sein. Wenn ja, sagte der Irrtum wahrscheinlich mehr über sie aus als über den alten Dor.
»Dorrance?«
»Was, Ralph?«
»Diese Botschaft - wer hat sie dir gegeben?«
Dorrance dachte darüber nach - vielleicht sah es auch nur so aus, als würde er darüber nachdenken -, dann hielt er ihm seine Ausgabe von Cemetery Nights hin. »Nimm.«
»Nein, ich passe«, sagte Ralph. »Ich mag Gedichte nicht besonders, Dor.«
»Die hier werden dir gefallen. Sie sind wie Geschichten …«
Ralph unterdrückte das starke Bedürfnis, den alten Mann zu packen und zu schütteln, bis seine Knochen wie Kastagnetten klapperten. »Ich hab mir gerade ein paar Pferdeopern in der Stadt gekauft, im Back Pages. Ich wollte wissen, wer dir die Botschaft gegeben hat …«
Dorrance drückte Ralph den Gedichtband mit überraschender Kraft in die rechte Hand - die Western hielt er in der anderen. »Eines fängt an: ›Each thing I do I rush through so I can do something else. ‹«
Und bevor Ralph noch ein Wort sagen konnte, ging der alte Dor über den Rasen zum Bürgersteig. Er wandte sich nach links zur Extension, das Gesicht verträumt zum blauen Himmel erhoben, wo die Blätter ungestüm verwehten, als erwartete sie ein Rendezvous hinter dem Horizont.
»Dorrance!«, schrie Ralph plötzlich wütend. Auf der anderen Straßenseite, vor dem Red Apple, fegte Sue Laub von dem Warmluftgebläsegitter vor der Eingangstür. Als sie Ralphs Stimme hörte, hielt sie inne und sah neugierig über die Straße. Ralph, der sich dumm vorkam - der sich alt vorkam -, brachte ein, wie er hoffte, breites, fröhliches Grinsen zustande und winkte ihr zu. Sue winkte zurück und fegte weiter. Derweil war Dorrance geistesabwesend seines Weges spaziert. Er war schon fast einen halben Block weit weg.
Ralph beschloss, ihn gehen zu lassen.
2
Er ging die Stufen zur Veranda hinauf, nahm das Buch, das Dorrance ihm gegeben hatte, in die linke Hand, damit er nach dem Schlüsselbund suchen konnte, und sah dann, dass er sich die Mühe sparen konnte - die Tür war nicht nur unverriegelt, sie stand sogar einen Spalt offen. Ralph hatte schon mehrfach mit McGovern wegen seiner Sorglosigkeit geschimpft und gedacht, er hätte die Botschaft endlich in den Dickschädel seines Untermieters hineingehämmert bekommen. Aber jetzt sah es so aus, als hätte McGovern einen Rückfall gehabt.
»Verdammt, Bill«, sagte er schnaufend, betrat die dunkle Diele und sah nervös die Treppe hinauf. Er konnte sich nur zu leicht vorstellen, dass Ed Deepneau da oben lauern würde, helllichter Tag hin oder her. Dennoch konnte er nicht den ganzen Tag hier in der Diele bleiben. Er ließ den Riegel der Eingangstür einrasten und ging hinauf.
Selbstverständlich hätte er sich keine Sorgen machen müssen. Er erlebte eine Schrecksekunde, als er dachte, jemand stünde in der Ecke des Wohnzimmers, aber es war nur seine alte graue Jacke. Er hatte sie zur Abwechslung tatsächlich einmal auf den Kleiderständer gehängt, statt sie einfach über die Stuhllehne oder die Armlehne des Sofas zu werfen; kein Wunder, dass er erschrocken war.
Er ging in die Küche und betrachtete mit den Händen in den Gesäßtaschen den Kalender. Montag war eingekreist, und im Inneren des Kreises stand gekritzelt: HONG - 10:00.
Ich sollte dir ausrichten, dass du den Termin bei dem Nadelpikser absagen sollst, und das habe ich getan. Der Rest liegt bei dir.
Einen Augenblick war es Ralph möglich, aus seinem Leben herauszutreten und den letzten Abschnitt des Freskos zu betrachten, das es darstellte, nicht nur den winzigen Ausschnitt des heutigen Tages. Was er sah, versetzte ihn in Angst: eine unbekannte Straße, die in einen dunklen Tunnel führte, wo alles lauern konnte. Einfach alles.
Dann dreh um,
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