Schlaflos - Insomnia
in seinem leisen, erregten Flüstern. »Herrgott im Himmel, das solltest du nicht machen!« Seine braunen Augen sahen in Ralphs Gesicht, und die Brillengläser vergrößerten sie so sehr, dass die winzigen Schuppen auf seinen Wimpern fast so groß wie Kieselsteine aussahen. Ralph konnte die Aura des Mannes sogar in seinen Augen sehen - sie waberte über die Pupillen wie grüner Rauch über schwarzes Wasser. Die schlangengleichen Ranken, die sich durch das grüne Licht zogen, waren jetzt dicker, ineinander verschlungen, und Ralph begriff, wenn das Messer ganz hineingestoßen
würde, wäre der Teil der Persönlichkeit des Mannes, der diese schwarzen Strudel erzeugte, dafür verantwortlich. Das Grün war Verwirrung und Paranoia; das Schwarz war etwas anderes. Etwas
(von außen)
viel Schlimmeres.
»Nein«, keuchte er. »Das werde ich nicht. Ich werde nicht schreien.«
»Gut. Ich kann dein Herz spüren, weißt du. Durch die Messerklinge bis in die Handfläche. Es muss echt heftig schlagen.« Der Mann fletschte die Zähne zu einem ruckartigen, humorlosen Grinsen. Speichel klebte ihm in den Mundwinkeln. »Vielleicht kippst du einfach um und stirbst an einem Herzanfall, das spart mir die Mühe, dich zu töten.« Ein weiterer Übelkeit erregender Atemzug strich über Ralphs Gesicht hinweg. »Du bist schrecklich alt.«
Das Blut schien mittlerweile in zwei Strömen an seiner Seite hinabzufließen, vielleicht sogar dreien. Die Schmerzen, die die bohrende Messerspitze auslöste, waren unerträglich - wie der Stachel einer riesigen Biene.
Oder einer Nadel, dachte Ralph und stellte fest, dass diese Vorstellung trotz seiner misslichen Lage etwas Komisches hatte … oder vielleicht gerade deswegen. Das war der echte Nadelpikser; James Roy Hong konnte nur ein blasser Abklatsch davon sein.
Und ich hatte nie die Chance, diesen Termin abzusagen, dachte Ralph. Aber andererseits hatte er eine Ahnung, dass Irre wie der Mann im Snoopy-Sweatshirt keine Absagen akzeptieren würden. Irre wie er hatten ihren eigenen Terminplan und hielten sich daran, was immer auch passieren mochte.
Was auch immer geschehen mochte, Ralph wusste, er würde die Messerspitze, die sich in ihn bohrte, nicht mehr lange aushalten. Er hob mit dem Daumen die Klappe der Jackentasche hoch und schob die Hand hinein. Er wusste in dem Augenblick, als seine Hand ihn berührte, worum es sich bei dem Gegenstand handelte: die Spraydose, die Gretchen aus der Handtasche geholt und auf den Küchentisch gestellt hatte. Ein kleines Geschenk von Ihren dankbaren Freundinnen bei WomanCare, hatte sie gesagt.
Ralph hatte keine Ahnung, wie sie von dem Küchenschrank, auf den er sie gestellt hatte, in die Tasche seiner abgetragenen alten Herbstjacke gekommen war, und es war ihm auch egal. Er schloss die Hand darum und benutzte wieder den Daumen, diesmal, um den Deckel von der Dose herunterzuschnippen. Dabei ließ er das zuckende, ängstliche, erregte Gesicht des Mannes mit dem Clownshaar nicht aus den Augen.
»Ich weiß etwas«, sagte Ralph. »Wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu töten, sage ich es Ihnen.«
»Was?«, fragte der Mann mit dem Clownshaar. »Himmel Herrgott, was könnte ein Dreckskerl wie du schon wissen?«
Was könnte ein Dreckskerl wie ich schon wissen?, fragte Ralph sich, und die Antwort fiel ihm auf der Stelle ein, sie schnellte in sein Gehirn wie die Jackpot-Symbole eines Spielautomaten. Er zwang sich dazu, sich in die grüne wabernde Aura des Mannes zu lehnen, in die schreckliche stinkende Wolke seiner nervösen Eingeweide. Gleichzeitig zog er die kleine Dose aus der Tasche, drückte sie an den Schenkel und legte den Zeigefinger auf den Knopf der Spraydüse.
»Ich weiß, wer der Scharlachrote König ist«, murmelte er.
Die Augen hinter der schmutzigen Hornbrille wurden groß - nicht nur vor Überraschung, sondern vor Schrecken -, und der Mann mit dem Clownshaar wich ein kleines Stück zurück. Einen Moment ließ der schreckliche Druck an Ralphs linker Seite nach. Das war seine Chance, die einzige, die er bekommen würde, und er nutzte sie, warf sich nach rechts, fiel vom Stuhl und stürzte zu Boden. Sein Hinterkopf schlug auf den Fliesen auf, aber der Schmerz war fern und unwichtig, verglichen mit der Erleichterung darüber, dass die Messerspitze nicht mehr da war.
Der Mann mit dem Clownshaar kreischte auf - ein Laut der Wut und Resignation, als hätte er sich im Lauf seines langen und schwierigen Lebens an solche Rückschläge gewöhnt. Er beugte sich
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