Schrei in Flammen
relativer Begriff. Viele Leute würden wahrscheinlich sagen, dass Katrine ein einsamer Mensch war, obwohl sie sich gar nicht einsam fühlte. Sie hatte eine enge und lange Beziehung zu Fiona, ihrer englischen Freundin. Sie hatte ihren Vater. Und sie hatte ein großes Netzwerk an Kollegen und Bekannten in der ganzen Welt. Das war ihr genug. Andere brauchten ein Meer von Freunden um sich herum. Sie war anders gestrickt.
Was hatte Maja darüber gedacht? Hatte sie sich einsam gefühlt? Hatte ihre Arbeit als Prostituierte sie in die soziale Isolation getrieben? Dieses Phänomen war nicht ungewöhnlich. Lästige Erklärungen, Vorurteile, Tabus. In Untersuchungen kristallisierte sich die Tendenz heraus, dass viele Frauen in einer solchen Situation Beziehungen abbrachen, weil es ihnen schwerfiel, mit den Ansichten ihrer Umwelt klarzukommen und die sehr unterschiedlichen Welten unter einen Hut zu bringen. Katrine hatte gehofft, durch ihren Besuch in der Wohnung mehr über Majas Gedankenwelt zu erfahren. Aber Maja war nicht der Typ, der Tagebuch schrieb oder Postkarten, Briefe und andere Erinnerungen an Menschen oder Situationen aufbewahrte, die ihr etwas bedeuteten. Es lagen nirgendwo Schulzeugnisse oder alte Kontoauszüge herum. Das Fehlen jeder Spur aus ihrer Vergangenheit war so markant, dass es schon wieder aussagekräftig war. Die meisten Menschen hockten auf einem Haufen mehr oder minder nostalgischer Dinge, schier unüberwindliche Berge, durch die man sich hindurcharbeiten musste. Maja Jensen aber hatte keine Erinnerungen an ihre Vergangenheit aufbewahrt. War das schon immer so gewesen, oder hatte sie erst vor kurzem eine symbolische Aufräumaktion durchgeführt? Unmöglich zu sagen. Ditte war die Einzige, die sie danach fragen konnte. Und nach allem anderen. Aber Ditte hatte bereits erwähnt, dass sie nie ganz an Maja herangekommen war. Es war zum Verrücktwerden.
Katrine ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.
Magerjoghurt. Salat, Paprika, eine Zitrone, Garnelen, Mayonnaise, fettarm. Im oberen Fach eine Flasche Champagner. Wollte sie feiern, dass sie aufhörte? Die Lebensmittel würden verderben. Ob jemand den Kühlschrank leeren würde?, dachte Katrine, als sie ihn wieder schloss.
Zurück im Wohnzimmer setzte sie sich aufs Sofa. Die Wohnung war nun ein verlassenes Zuhause. Bald würde alles ausgeräumt sein und die Räumlichkeiten neu vermietet werden. Andere Menschen würden hier wohnen. Hier, bei Maja, an dem Ort, zu dem sie nach ihrer Arbeit zurückgekommen war.
Katrine versuchte sich vorzustellen, wie es war, aus dem
Salon S
nach Hause zu kommen, sich hierherzusetzen und abzuschalten. Was hatte sie zu Hause gemacht? An der Wand über dem Sofa hingen ein großer Flachbildschirm und zwei Regalbretter mit ordentlich aufgereihten DVD s, populäre amerikanische TV -Serien wie
Friends
,
Desperate Housewives
und
Lost
, daneben romantische Komödien und ein paar Gruselfilme. Ganz gewöhnliche Unterhaltung in einem scheinbar gewöhnlichen Leben in einer Wohnung in Kopenhagen. Doch nichts war so gewesen, wie es nach außen schien.
Vielleicht hatte sie hier auf diesem Sofa gesessen und noch einmal Revue passieren lassen, wie der Tag oder Abend gewesen war. Katrine überlegte, was in der Hinsicht für sie ausschlaggebend und entscheidend gewesen sein mochte. Das Geld? Zufriedene Kunden? Natürlich war Geld wichtig. Aber am wichtigsten? Vermutlich. Aber was waren ihre persönlichen Erfolgskriterien gewesen? Genuss? Es schnell hinter sich zu bringen? Vielleicht hatte Maja genau an dem Platz gesessen, wo Katrine jetzt saß, und überlegt, was sie nach ihrem Ausstieg machen wollte. Wovon hatte sie geträumt? Hatte sie überhaupt von etwas geträumt? Und was hatte sie veranlasst, ausgerechnet jetzt aufzuhören? Hatte irgendein besonderes Ereignis zu diesem Entschluss geführt? Oder war er über längere Zeit in ihr herangereift? Auf jeden Fall schien sie finanziell gut vorgesorgt zu haben, wo auch immer das Geld herkam.
Katrine stand auf und ging noch einmal durch die Wohnung, ehe sie aufbrach. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Sie ging langsam die Treppe hinunter und trat auf den sonntäglich stillen Mariendalsvej.
Es war Montagmorgen. Der Besprechungsraum füllte sich langsam, während Katrine in Gedanken noch immer bei den Schlagzeilen der Zeitungen war, die sie an den Kiosken auf ihrem Weg durch die Stadt gesehen hatte:
Freier verbrennt Prostituierte
Hurenbock der Hölle
Sollte Asger Dahl
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