Schrei in Flammen
gelesen. »Also, mein neuer Freund hat keine Ahnung, dass ich eine Hure bin.«
»Wie lange kennen Sie ihn schon?«
»Ein paar Monate. Der andere wusste es, also der damals, als wir noch in die Stadt gingen. Der sah das vollkommen entspannt, fand es irgendwie cool, radikal. Aber mein jetziger Freund … Ich wollte es ihm schon lange erzählen, aber … aber ich will nicht, dass er gleich wieder abhaut. Aber jetzt höre ich ja eh auf. Dann brauche ich es ihm eigentlich auch gar nicht mehr zu sagen. Es ist wirklich kein Spaß, die ganze Zeit zu lügen.«
Katrine beugte sich vor. »Haben Sie darüber nachgedacht, Hilfe in Anspruch zu nehmen? Von jemandem, der Sie stützen kann?«
»Wie meinen Sie das? Ich höre mit dem Scheiß auf. Es ist so viel passiert, ich will nicht wieder dahin zurück.«
»Ich denke eher an die möglichen Spätfolgen. Manchmal reagieren wir erst einige Zeit nach einer überstandenen Krise. Wie wenn man plötzlich in Gefahr gerät. In diesen Momenten gelingen einem die unglaublichsten Dinge, und erst danach realisiert man, was für eine Riesenangst man gehabt hat. Ich meine damit, dass es Ihnen vielleicht guttun würde, jemanden zu haben, zu dem Sie gehen können, falls Sie später das Bedürfnis haben zu reden.«
»Ich will kein Mitleid«, sagte Ditte und machte dicht. Offensichtlich fühlte sie sich durch Katrines Worte provoziert. »Ich bin ja nicht als Sexsklavin gehalten worden. Wissen Sie was? Genau das ist der Grund, warum wir mit Leuten wie Ihnen nicht reden wollen. Sie halten uns doch nur für arme Schweine, die erlöst werden müssen.«
»Entschuldigen Sie«, sagte Katrine. »Ich habe mich wohl ungeschickt ausgedrückt.«
»Ja.«
»Ich denke ganz und gar nicht, dass Sie erlöst werden müssen. Sie können bestimmt auf sich selbst aufpassen.«
Beide schwiegen.
»Sollen wir das mit den Fotos hinter uns bringen?«, fragte Katrine.
Ditte nickte.
»Ich hole nur schnell meinen Kollegen.« Katrine ging nach draußen auf den Flur, um nach Jens zu suchen. Er stand in der Tür eines anderen Büros und redete mit ein paar Kollegen. Als er sie sah, kam er zu ihr.
»Okay?«, fragte er. Katrine nickte, und Jens trat mit ein.
»Sie sind bereit, sich die Fotos anzusehen?«, fragte er Ditte.
»Ja, bringen wir es so schnell wie möglich hinter uns.«
Ditte setzte sich neben Jens, so dass sie beide auf den Bildschirm blicken konnten. Katrine hielt sich im Hintergrund, noch immer wütend auf sich selbst.
»Das Gesicht ist auf der Aufnahme der Überwachungskamera nicht besonders gut zu erkennen, aber wir haben die Aufnahme mit unserem Archiv abgeglichen und alle in Frage kommenden Männer herausgesucht, die ihm ähnlich sehen. Sie können selbst blättern«, sagte er und zeigte ihr, wo sie klicken musste. Er überließ Ditte die Maus.
Ditte sah sich die Bilder gründlich an und blätterte weiter. Katrine und Jens ließen ihr ihr eigenes Tempo. Manchmal kniff sie die Augen zusammen und studierte ein Gesicht genauer, wobei sie die Lippen seltsam verzog oder spitzte, aber in der Regel blieben die Mundwinkel unten: Nein, das ist er nicht, weiter.
Sie war fast am Ende der Datei, und Jens stellte sich schon darauf ein, dass sie zu keinem Ergebnis kommen würden, als sie plötzlich ausrief: »Der da! Marco Gomez oder wie der heißt.« Sie zeigte auf einen hübschen jungen Mann Mitte zwanzig. »Das war der eine, der Ausländer. Aber das Messer hatte der andere. Und der war weiß, aber der ist hier nicht drin.«
»Macht nichts, wenn wir den einen haben, kriegen wir auch den anderen. Gut gemacht, Ditte.«
Katrine musterte den jungen Mann auf dem Bildschirm. Der Name und sein Äußeres ließen auf spanischen oder südamerikanischen Hintergrund schließen.
»Sie sollten ernsthaft in Erwägung ziehen, den Überfall anzuzeigen«, riet ihr Katrine.
»Und was dann? Wenn sie mich in ein oder zwei Jahren finden? Die gehen dafür doch noch nicht mal ins Gefängnis.«
»Denken Sie trotzdem darüber nach«, sagte Jens. »Ich schlage jetzt Folgendes vor: Ich bringe Sie zu den Kollegen, die gemeinsam mit Ihnen überlegen, wie wir Ihnen am besten helfen können. Diese Leute kennen sich in diesem Bereich viel besser aus als ich.«
Sie standen auf.
»Sie haben das Richtige getan, Ditte«, sagte Jens und legte vorsichtig seinen Arm um ihre Schulter. »Das absolut Richtige.«
Die junge Frau sah ihn an, und ihr Kinn zitterte leicht. Dann nickte sie. »Gehen wir?«, fragte sie und fuhr sich mit den Oberarmen
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