Schwaben-Freunde: Kommissar Braigs 16. Fall (Schwaben-Krimi) (German Edition)
Gequälte Existenzen voller Schmerzen. Und wir profitieren von diesen Folterkammern, um weiterhin massenweise billige Nahrungsmittel zur Verfügung zu haben.«
»Genau das wollen wir vermeiden«, erklärte Lieb, auf das luftige Gehege deutend. »Und es sieht so aus, als ob immer mehr Leute unsere Arbeit honorieren. Manchmal haben wir nicht mehr genügend Eier. Die Nachfrage übersteigt zeitweise das, was wir liefern können. Vor allem im Winter.«
»Ihr bringt die Tiere dann in den Stall?«
»Je nachdem, wie sich die Temperaturen entwickeln, nehmen wir sie aus dem Gehege. Hier auf der Hochfläche der Alb ist es spätestens von November an draußen zu kalt. Unser Stall ist groß, du hast ihn gesehen. Sie haben genügend Auslauf. Wir stellen ihnen ungefähr zwei Drittel des gesamten Raumes zur Verfügung. Dort, wo die Lampen hängen. Du hast sie bemerkt?«
Claudia Steib schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht darauf geachtet. Ihr beleuchtet den Stall?«
»Morgens ab sechs und abends bis zehn. Sonst hören sie auf mit dem Legen.«
»Sie halten Winterruhe?«
»So kannst du das formulieren, ja. Wir täuschen ihnen mit dem künstlichen Licht den ewigen Sommer vor. Das geht nicht anders.«
»Damit ihr eure Kunden das ganze Jahr über beliefern könnt.«
Er lockte den Hund, der langsam über den Hof getrottet kam, zu sich her, tätschelte ihn. »Wir müssen Jackies und unser Futter bezahlen. Sommer wie Winter.«
Der Vierbeiner ließ von ihm ab, marschierte am Zaun entlang weiter. Die Hühner in seiner Nähe verfielen in aufgeregtes Gackern.
»Euer Stammkunde«, sie wies in die Richtung des Ladens, versuchte, ihrer Frage einen möglichst beiläufigen Ton zu geben, »du kennst ihn persönlich?«
Lieb musterte sie erstaunt. »Der Mann, der gerade hier war?«
»Ja.« Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab, um ihm nicht zu verraten, wie wichtig ihr die Antwort war. Er ist es, tobte es in ihr. Es gibt keinen Zweifel. Diese Fratze werde ich nie vergessen.
»Wieso interessiert dich das?«, fragte Lieb.
»Na, eure Kunden«, sie suchte nach Worten, die von ihrer inneren Erregung möglichst wenig verrieten, »ich dachte, ihr steht in einem besonders guten Verhältnis zu ihnen. Wenn sie extra hierher kommen, um bei euch zu kaufen.«
»Ja, das ist schon so«, erklärte er, »viele von ihnen sind uns bekannt. Mit Namen oder vom Gesicht her. Wenn sie häufig zu uns kommen.« Ihr Gesprächspartner streichelte einen großen, bunt gescheckten Kater, der sich an seinen Beinen rieb, sah zu ihr auf. »Manche erzählen dann auch von sich und ihrer Familie. So lernen wir sie natürlich kennen.« Er wandte sich wieder dem Kater zu, der mit lautem Miauen um weitere Streicheleinheiten warb. »Das ist schon besonders schön, wenn die regelmäßig wiederkommen. Wenn sie nicht so weit entfernt wohnen, ist das oft der Fall. Mit einigen sind wir inzwischen gut befreundet.«
»Eure Kunden wohnen alle in der Umgebung?« Sie streichelte den Kater, der von ihm abgelassen hatte und jetzt bei ihr um Aufmerksamkeit buhlte, wartete auf die Antwort.
»Nicht alle«, sagte Lieb. »Im Sommer kommen viele Ausflügler und Touristen. Manchmal ganze Busse voll, wenn wir Glück haben. Aber die Stammkunden wohnen irgendwo in der Nähe, ja.«
»In Heidenheim oder Göppingen?«
»Ja. Oder in Gmünd oder Aalen.«
»Und der Mann eben? Wie war sein Name?« Sie versuchte, die Frage möglichst unbefangen klingen zu lassen, mit keiner Faser ihres Körpers auch nur entfernt anzudeuten, wie wichtig ihr die Antwort war. Wichtiger als alles andere, was sie in den vergangenen Stunden besprochen hatten. Wichtiger als all die vielen Informationen, die in den letzten Wochen bei ihr eingegangen waren. So wichtig, dass sie sogar auf die neue Reportage verzichten wollte, wenn das der Preis für den Namen des Mannes war.
Atemlos lauschend nahm sie Liebs Antwort entgegen.
15. Kapitel
November
Das Neubaugebiet in Maubach, einem kleinen direkt an der S-Bahn nach Stuttgart gelegenen Vorort von Backnang, war schon von Weitem zu erkennen. Eine kaum überschaubare Anzahl gelber Kräne scharte sich um den östlichen Hang des Hügels. Wie die dünnen Beine einer gigantischen Spinne ragte ihr filigranes Flechtwerk in die Höhe. Je mehr sich Braig und Neundorf dem Areal näherten, desto deutlicher sahen sie das unregelmäßige Gemisch frisch ausgehobener Baugruben, gerade fertiggestellter Fundamente und erster, teilweise mehrere Stockwerke hochgezogener Rohbauten vor sich. Die
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