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Schwarzwaldau

Schwarzwaldau

Titel: Schwarzwaldau Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carl von Holtei
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welches Emil und Franz von zwei Seiten um so eifriger verfolgten, als es bis jetzt die einzige Beute war. Der Vorstehhund, ein etwas ungeberdiger Gesell, hatte sie verlassen, die Spur eines flüchtig gewordenen Hasens nach dem Walde zu aufnehmend. So gelangten sie bis an die äußerste Spitze des Ackers, wo sie im Waldwinkel einander gegenüberstanden. Emil schalt den Jäger wegen des Hundes Ungehorsam. Franz vertheidigte sich mit der ganz richtigen Erklärung, er habe ihn nicht dressirt, sondern schon verdorben von seinem Vorgänger überkommen; doch er that dieß in scharfem, verletzendem Tone. Emil stellte ihn darüber zur Rede. Franz antwortete höhnisch. Jener befahl ihm zu schweigen, wobei ein ›unverschämt‹ hörbar wurde. Dieser zuckte die Achseln verächtlich. Emil fuhr auf; es entschlüpfte ihm eine Andeutung auf des Andern Kerkerhaft. Wie von einem electrischen Schlage berührt, bebte Franz, unwillkürlich griff er nach seiner Flinte, das Schloß knackte, – da fiel im Gehölz ein Schuß und nach etlichen Secunden brach ein Rehbock durch die Zweige und stürzte zwischen den Beiden zusammen.
    Dieß Ereigniß gab ihrem Zorn gewaltsam eine ablenkende Richtung. Sie warfen sich, Jeder von dem Platze, wo er stand, in's Dickicht.

Achtes Capitel.
    Wir unterbrechen die Erzählung der Vorgänge auf der Jagd, um später darauf zurückzukommen, und widmen dieses achte Capitel den beiden Freundinnen, welche wir neulich in Agnesens Schlafgemach nicht zu behorchen wagten, deren Gesprächen aber wohl zu lauschen vergönnt sein wird, wenn sie auf der Herrin grünem Bänkchen am See im Park sitzen? Sollte der Romanschreiber nicht mindestens eben soviel Berechtigung dazu haben, als der zahme Storch, der nachdenklich auf einem Beine vor ihnen steht, so aufmerksam, wie wenn er sich auch nicht eine Silbe entschlüpfen lassen dürfte von ihrem lieblichen, anmuthigen Geschwätz? Es ist ein kluger Vogel, der Storch; ein Thier, um dessen Familien- und öffentliches Leben sich vielerlei wundersame Sagen, (vielleicht Märchen) ziehen, die jedoch lange noch nicht genau genug beobachtet und erforscht sind, um so kurzweg fortzuleugnen, was schwer begreiflich erscheint; obgleich die meisten Menschen mit ungläubigem: »dummes Zeug!« gern bei der Hand sind, sobald ihnen Etwas unbequem scheint und sie in ihrem Alltäglichkeits-Systeme zu stören droht. Ist es nicht recht bequem, ein für Allemal jede höhere Fähigkeit der Thierseelen abzuleugnen, lediglich weil weder Schnauze noch Schnabel auf belehrenden Widerspruch, und unsere Sinne nicht darauf eingerichtet sind, zu verstehen, was jene uns in ihrer Zunge sagen können?
    Der Storch im Park zu Schwarzwaldau legte unbezweifeltes Verständniß menschlicher Zustände an den Tag und hatte schon viele Proben seiner Intelligenz gegeben. Das ganze Dorf war voll von kleinen Geschichten, die seine Klugheit beweisen sollten und viele Kinder glaubten nicht nur, daß er es sei, der sie aus dem See gefischt und ihren Eltern im Schnabel gebracht habe, – (um so größer war das Erstaunen, warum sich die Gemalin des Gutsherrn noch nicht mit kleinem Nachwuchs versorgen lassen?) – sondern sie waren auch steif und fest überzeugt, der kluge Storch führe zugleich eine Art von Oberaufsicht über die herrschaftlichen Gärten und bringe jedwede darin verübte Ungebühr zur Anzeige. Wer ihn so sitzen und beobachten sah, konnte leicht auf ähnliche Muthmaßungen gerathen. Agnes und Caroline ließen sich durch des Vogels Aufmerksamkeit in ihren vertraulichen Mittheilungen nicht stören. Vielmehr flüsterte das unaufhörliche Geschwätz der Freundinnen ohne Unterbrechung mit dem Bächlein um die Wette, welches, nach langen Schlangenwindungen durch Wiesen und Gebüsche, sich rieselnd in den See ergießt und immerwährend murmelt und murmelt.
    Es kommt häufig vor, daß innige Freunde neben einander gehen, beisammensitzen – und schweigen . Wer hat das an Freund innen erlebt? Ich nicht. Ich muß es eingestehen; kann es nicht unterdrücken, sollte auch die schöne Leserin mein Buch unwillig aus der Hand werfen, mit dem Ausrufe: Der alte Narr! – Ausnahmen will ich gern gelten lassen. Ich spreche nur im Allgemeinen; spreche nur von meinen Erfahrungen in diesem Gebiete; und da muß ich eingestehen: ich habe den unerschöpflichen Fluß nimmer versiegender Rede stets bewundert; bisweilen auch mich ver wundert, wo denn diese Fülle von Stoff im Kopf und Herz hinreichenden Raum fand, sich aufbewahren zu

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