Schwarzwaldau
fragte Caroline mit einer Verlegenheit, die ihr sonst keinesweges eigen.
»Ich will es sogleich erfahren,« gab Emil zur Antwort; »denn ich begebe mich nach Zwing-Schwarzwaldau, wo mein Verwalter bereits inquirirt und torquirt.«
»Wie wär's, wenn wir Deinen Gemal begleiteten?« – Mit diesen, so gleichgiltig als möglich hingeworfenen Worten, wendete sich Caroline zu Agnes und der Gemal sah diese höchst befremdet an, da sie nach einem Shawl greifend, sich bereitwillig zeigte: »Warum nicht? der Abend ist wunderschön?!« Und schon hing sie an der Freundin Arme und flüsterte im Vorangehen mit dieser.
Die Sonne war längst hinab, doch sah man noch hell und deutlich. Wie sie in die Dorfgasse traten, fanden sie Alles lebendig. Jung und Alt strömte dem neuen Gefängnisse zu, dessen ersten unfreiwilligen Gast zu betrachten. Kinder und Hunde, erstere dem frühzeitigen Nachtlager, wie es der Landmann liebt und braucht, noch einmal entstiegen; letztere bereits von der Kette gelöset, ihre Nachtpatrouillen zu beginnen, lärmten durch einander; die erst später an des Dorfes äußerste Hütten gelangte Kunde von Einbringung eines Raubschützen, vielleicht Räubers, Raubmörders hatte ihre anziehende Wirkung nicht verfehlt.
Caroline und Agnes äußerten Erstaunen darüber und Emil wollte schon eine psychologische Entwickelung zum Besten geben über den Reiz, den es auch auf rohere Menschen übt, von Verbrechern zu hören, oder sie anzugaffen, als er unterbrochen wurde durch den zahmen Storch, welcher sie, wie er häufig that, begleitet hatte und jetzt, wo er in's Gedränge zwischen neckende Kinder und klaffende Hunde gerieth, angstvoll zu klappern begann, und sich zuletzt gar empor schwang.
Caroline, die ihn noch niemals fliegen gesehen, und der Meinung gewesen, er sei der Schwungfedern absichtlich beraubt, damit er nicht entfliehe, rief laut: »Hanns macht sich auf die Reise!« Doch Agnes belehrte sie, daß der treue Hausgenosse derlei Absichten keinesweges hege: im September, als in dem Monate, wo die wilden Störche ihre Probeflüge beginnen und ihren jüngeren Kindern Unterricht ertheilen, wie sie sich auf weiten Wander-Zügen zu benehmen haben werden, regt sich wohl auch in unserm Hanns die angeborene Lust und er übt sie bisweilen. Aber da er sich niemals unter seines Gleichen mischt, so geräth er auch nicht in Gefahr, durch sie zum Entweichen verführt zu werden.
»Und warum thut er das nicht?« fragte Caroline; »ich habe doch häufig gehört, daß gezähmte Störche im Herbst ihre Freiheit allem Wohlleben im Umgange mit Menschen vorzogen?«
»Unser Hanns liebt die Seinigen nicht. Die Erinnerungen an seine Kindheit sind wahrscheinlich noch allzu lebendig in ihm. Er ist nämlich aus dem Ei gekrochen in einem alten Storchneste, welches auf dem Wipfel einer vielhundertjährigen Eiche schon seit Menschengedenken klebte und wie die Bewohner Schwarzwaldau's versichern, schon von seinen Eltern bewohnt und bevölkert wurde, als unser Park kaum angelegt war. Ob es wirklich immer noch das nämliche Paar gewesen ist, wie sie behaupten, – wer weiß das? So viel ist sicher: ich fand die Thiere brütend, als ich hier meinen Einzug hielt. Sie hatten ausnahmsweise fünf Junge. Als diese heranwuchsen, wurde ihnen die Räumlichkeit zu enge und die grausamen Eltern, – wofern es Grausamkeit genannt werden darf, den Einzelnen dem Gedeihen Mehrerer zu opfern, – warfen das schwächlichste ihrer Kinder über Bord. Es fiel in weiches Moos, ohne sich zu beschädigen, – und ich machte es zu meinem Kinde. Daher Hannsens Liebe und Anhänglichkeit für mich; daher wahrscheinlich seine Abneigung gegen seines Gleichen. Nicht lange nachher schlug der Blitz in die Eiche, tödtete die Vögel, vernichtete den Stamm und raubte dem Dorfe eine so zu sagen heilig-gewordene Tradition. Die Landleute meinen, das sei kein gutes Vorzeichen gewesen. Aber sieh' nur, sieh' nur! . . . ..«
Hanns hatte mit zornigem Geklapper mehrmals die Umdachung des neuerbauten Gefängnisses umkreiset und setzte sich jetzt auf den Schornstein, von wo er die herannahende Herrschaft gleichsam anmeldete. Der Verwalter und ein Schreiber empfingen Emil an der vergitterten Thüre des im unteren Stockwerk angebrachten Wächterstübchens, in welches denn auch die Damen folgten und es ganz leidlich fanden. Eine schmale steinerne Treppe führte nach dem Gefängniß. Diese stiegen sie, von Emil geleitet, hinan, der durchaus nicht fassen konnte, was mit Agnes
Weitere Kostenlose Bücher