Schwarzwaldau
Schläfrigkeit aufzuwecken, bedurfte es leidenschaftlicher Aufregungen. Höchstens wenn Emil in seinen weit umfassenden Abhandlungen das Gebiet streifte, welches die Erotiker inne haben, belebte sich Gustav's Aufmerksamkeit bis zu sichtbarer Theilnahme. Im Uebrigen ließ er den Redseligen gewähren, der schon zufrieden war, ein Auditorium zu besitzen; jenem Professor gleich, welcher, vor seinem leeren Hörsaale stehend, den Universitäts-Pedell fragte: wo sind denn heute meine Zuhörer? und die Antwort empfing: er ist spazieren gegangen. Emil war im Ganzen glücklicher; denn er hatte deren mehr als Hundert, die aufmerksamen Baumstämme mit eingerechnet, unter denen sich sogar ›bemoosete Häupter‹ befanden, die zu des Docenten Vortrage nur dann ihre Köpfe schüttelten, wenn es stürmte. Gustav nickte gewöhnlich mit dem seinigen, was Emil für unbedingte Bewunderung hielt. Er war bald überzeugt, der durch's Examen gefallene Fähndrich kenne kein größeres Glück, als seinen belehrenden Umgang und hänge an ihm mit Seele und Leib. Deßhalb auch beglückte ihn die sehr bald dargebotene Gelegenheit, solche anhängliche Freundschaft durch thätige Beweise zu erwidern! Nur ein Seufzer war nöthig gewesen, allerlei verschämte Bekenntnisse über steigende Geldverlegenheiten des Edelhofes zu Thalwiese anzudeuten, als der reiche Besitzer von Schwarzwaldau schon mit vollen Händen diesen Seufzer in der Geburt zu ersticken eilte; was der Seufzende anfänglich wie ein verletzendes Geschenk zurückwies, nach kurzem Widerstande jedoch wie ein großmüthiges Darlehen annahm; obgleich Geber und Empfänger ganz genau wußten, daß in diesem Leben von Zurückerstattung nicht weiter die Rede sein konnte. Dadurch gerieth denn Gustav in eine fühlbare Abhängigkeit zu Emil; und die Art wie er sich dabei subordinirte, hätte diesen, wäre er minder befangen gewesen in seiner Vorliebe, minder eingenommen von dem eitlen Gefühl entschiedenen Uebergewichtes, an des jüngeren Mannes Ehrenhaftigkeit irre machen und den Verdacht erregen müssen: die Grade freundschaftlicher Empfindungen ständen hier unter dem Einflusse des Goldes? Aber auf solchen Argwohn geräth in der Regel nur Derjenige, dem auch für seine eigene Person Gold und Goldeswerth mehr Zweck als Mittel ist. Um niedrige Absichten bei Anderen vorauszusetzen, muß man ähnliche Regungen in der eigenen Brust tragen. Wo diese nicht keimen, erwecken erst traurige Erfahrungen den vorsichtigen Zweifel an Anderer Aufrichtigkeit. Emil zweifelte durchaus nicht an Gustav. Wenigstens nicht an dessen Seelenadel, wenn er daneben allerdings Ursachen fand, bei näherer Bekanntschaft die Ausbildung litterarischen Geschmacks in Zweifel zu ziehen. Denn diejenigen Bücher, welche die reiche und ausgesuchte Schloßbibliothek Schwarzwaldau's als besonders empfehlenswerth in den Wald lieferte, erfreuten sich selten großen Beifalls in Thalwiese; dagegen war die Nachfrage um solcherlei Waare, welche prüfendes Urtheil gering schätzt, desto dringender, und Gustav gestand aufrichtig, daß die sogenannten schlechten Bücher ihm die besten und unterhaltendsten wären. Dieß naive Bekenntniß konnte seinen kritischen Freund nicht erzürnen; im Gegentheil, da es zur Belehrung herausforderte, machte es die Verbindung nur fester. Gustav wendete niemals gegen Emil's Ansichten etwas ein. Dieser nahm des Andern Schweigen für Ueberzeugung. Jedes Gespräch galt für einen geistigen Sieg, für einen Fortschritt. Wie viel empfänglicher, bildungsfähiger als Agnes, die stets zu widerlegen wußte, zeigte sich doch der junge Freund! Der herbstliche Wald wurde für Emil zum blumenduftigen Frühlingshaine; liebliche Täuschungen umgaben ihn; er wähnte einen wahren Freund gefunden zu haben. Er freute sich wieder des Lebens und wies die Erinnerung an jene jüngstvergangene Zeit, wo er mit Selbstmordgedanken umging, schaudernd von sich; wie etwa der vom Wahnsinn Genesene an seine Krankheit zu denken vermeidet. War es nun die Besorgniß, jene Bilder wach zu rufen? War es die Befürchtung, das wunderliche Freundschaftsbündniß werde mit dem Geheimniß einen Theil seines zauberhaften Reizes einbüßen, was Herrn von Schwarzwaldau abhielt, gegen Gustav auch nur die Namen Agnes und Caroline zu erwähnen? Auffallen mußte dieses hartnäckige Schweigen dem Sohne des Nachbars von Thalwiese endlich doch. Die Tage wurden kürzer, die Abende kühl. Im Schlosse wären ihre Zusammenkünfte gewiß angenehmer gewesen, als im
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