Schwarzwaldau
Und Du willst zweifeln, Du, dem nichts toll genug sein konnte? Das thust Du mir zum Hohn! So wisse denn: dieselbe Caroline, die ich um Agnesens Willen aufgab, wird jetzt meine Gattin; dieselbe Agnes, die sich anstellte, als wären ihr alle Männer so gleichgiltig wie ihr eigener, ward meine Geliebte; und derselbe Emil, der mich Carolinen nicht gönnte, machte mich zu seiner Gemahlin Erben; – aus Dankbarkeit. Das Geld, was Ihr mir so freundlich verschwenden halft, wovon Dir, Zigeuner, manches Goldstück beim Knöcheln zufiel, es kam von ihm, von ihr . . . und nun wiederholt noch, daß ich nichts erlebte, daß ich ein dummer Junge bin!«
»Ich wiederhole, daß Du ein Talent bist! Du gruppirst leidlich, malst mit frischen Farben, – nur zu grell, wie es Anfängern immer geht. Du übertreibst, – sonst lügst Du recht hübsch.«
»Ich lüge nicht. Ich nenne Namen!«
»Taufnamen, Kind, sind keine Namen; sind keine Beweise. Emil, Caroline, Agnes sind Personen, wie sie dem Romanschreiber Dutzendweise zu Gebote stehen; er braucht nur den Kalender aufzuschlagen. Unbestimmte Figuren! Nicht Menschen von Fleisch und Blut, – was doch Beides unerläßlich wäre, sollten wir Dich für keinen Schwindler halten.«
»Der Teufel hole Dich, wenn Du von Schwindeleien sprichst, von Romanenschreibern und Erfindungen! Ist Caroline Reichenborn, meine Braut, etwa eine Romanenfigur? Ist die Herrschaft Schwarzwaldau, die mit Thalwiese grenzt, etwa auch eine Erfindung? Ist Emil von Schwarzwaldau, ist sein Jäger Franz . . .«
Ein heftiges Gepolter im Nebenzimmer, wie von umgeworfenen Stühlen, unterbrach das laute Geschrei des Trunkenen. Er verblich, sprang auf und blieb starr und stumm mit offenem Munde stehen.
»Ich wußte auf Seele nicht, daß wir Nachbarschaft bekommen haben,« sprach der Baron. »Wer kann das sein?« – Und er läutete nach dem Kellner.
Dieser sagte aus: Es wären, vor einer Stunde, zwei Herren eingetroffen, die erst ein Zimmer, dicht neben jenem des Herrn von Thalwiese bezogen, dasselbe jedoch zu klein und eng gefunden und es mit dem hier anstoßenden vertauscht hätten. Wer sie sein möchten, ahne er nicht, doch könn' er es leicht erfahren, indem er ihnen das übliche Fremdenbuch sogleich vorlege! Dieß zu thun, entfernte er sich.
Die Absicht der Trinker, das Gespräch fortzusetzen, wo es abgerissen, – wenn auch in gedämpftem Tone, – scheiterte an Gustav's hartnäckigem Schweigen. Er befand sich in jenem schrecklichen Zustande der Trunkenheit, die in sofern keine mehr ist, als dem Rausche die belebenden Schwingen fehlen und nur sein bleierner Druck auf dem Bewußtsein des Säufers lastet. Welchen Frevel er eigentlich begangen, vermochte er durchaus nicht sich klar zu machen? Er empfand nur die Qual gefrevelt zu haben. Um ihn war es Nacht; schwere, dumpfe, trostlose Nacht. Schwarze Wolken umhüllten ihn, von zuckenden Blitzen durchkreuzt, die mit Feuerzügen in riesenhaften Lettern das Wort ›eidbrüchig‹ beschrieben.
Der Zigeuner flüsterte, so ruhig als hätten sie reines Quellwasser geschlürft: »Etwas Wahres mag doch wohl an der Geschichte sein, sonst würde er kein Armensünder-Gesicht machen.«
Nach einigen Minuten legte der Kellner das Fremdenbuch vor. ›Die Kaufleute Müller und Schwarz aus dem Elsaß‹ standen eingezeichnet. Beide, versicherte er, zeigten sich ermüdet, lägen schon zu Bette und hätten ihn, in ihrem, – trotz ihrer deutschen Namen, – kaum verständlichen Deutsch, gähnend befragt: ob denn der Spectakel daneben gar nicht aufhören werde? Schlafen könnten sie dabei nicht und auch nicht einmal von der Unterhaltung profitiren, da ihnen die Sprache zu fremd sei?«
»Den Leuten kann geholfen werden,« äußerte der Baron; »wir haben genug geschwiemelt, denk' ich; bezahlen wird der Bräutigam – und ich erkläre die Sitzung für geschlossen. Morgen ein Mehreres. Jetzt laßt uns erproben, wie man in Teplitz schläft?«
Sie räumten das Speisezimmer und suchten ein jeder sein Schlafgemach.
Gustav warf sich unausgekleidet auf's Lager.
Der Zigeuner begleitete Miß Viola, »um sich von dessen langweiligem Gewäsch« – wie er es nannte – »in Schlaf lullen zu lassen.«
Der Baron verlangte Feder und Papier, denn »er habe noch zu schreiben.«
»Bist Du betrunken?« fragten sie ihn.
»Betrunken bin ich, doch nur bis zum Grade des Hellsehens, und dieser Zustand dictirt mir ein charmantes Epistelchen an unseres Gastgebers Braut. Sie muß erfahren, von wem und
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