Schwarzwaldau
aufbieten müssen, sich wieder weiß zu waschen.«
Der Zigeuner wiederholte: »Etwas Wahres ist an seinen Großsprechereien; das geb' ich zu. Aber gelogen hat er daneben auch, das laß' ich mir eben so wenig nehmen. Uebrigens nimmt der Bursch' ein schlechtes Ende, so gewiß ich heute Katzenjammer habe. Es steht ihm zwischen den Augenbrauen. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken!«
Fünfundzwanzigstes Capitel.
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Caroline und mit ihr die guten Eltern, vorzüglich der durch stolze Adelsträume verklärte, völlig umgewandelte Papa Reichenborn, hatten Teplitz für den reizendsten Aufenthalt erklärt, so lange Gustav von Thalwiese bei ihnen war. Von dem Augenblicke, wo ihnen dessen unentbehrlich gewordene Begleitung fehlte,. schien Stadt und Park und Umgegend jeglichen Reiz für sie verloren zu haben. Bei Carolinen versteht sich das eigentlich von selbst. Beim Vater bewährt es nur unseren oben schon aufgestellten Satz: denn leider schützt auch Alter nicht vor Thorheit. Disputirte doch der sonst so gewissenhafte Befolger ärztlicher Vorschriften dem Arzte und dem Bademeister ein ganzes Bad mit unbesieglicher Rechthaberei von der festgesetzten mystischen dreimal Sieben ab, bloß um einen Tag früher abreisen, einen Tag früher seinem Eidam folgen, einen Tag früher sein Thalwiese erreichen zu können. Sogar die Klagen des Pirnaischen Lohnkutschers, der von dort verschrieben, auf einen Rasttag in Teplitz gehofft hatte, schüchterten ihn nicht ein. Sie brachen auf; Herr Reichenborn zum Erstenmale in seinem Leben ungeduldig unterweges; zum Erstenmale über die Langsamkeit der Pferde klagend; seine Frau in gefällig-beschaulicher Zufriedenheit, ruhig heiter wie gewöhnlich; Caroline gerade nicht niedergeschlagen, aber doch verstimmt; unbezweifelt durch den anonymen Brief des Barons.
In Dresden verweilten sie begreiflicher Weise diesesmal gar nicht, sondern ›machten gleich weiter‹ wie der Kutscher sich äußerte, der ja schon Bescheid wußte und deßhalb auch bei Zeiten die große Straße verließ, jenen näheren und weniger sandigen Seitenweg einzuschlagen, auf welchem er sich damals, wo er Carolinen allein nach Schwarzwaldau zu liefern gehabt, mehrmals verirrte, den er aber jetzt genau erkundet zu haben sich rühmen durfte. Den ersten Tag waren sie bis Pirna gelangt; die zweite Tagreise brachte sie etwa vier Meilen hinter Dresden, jenseit der Landes-Grenzen, nachdem wie gesagt der Lohnfuhrmann die eigentliche Heerstraße schon verlassen, bis an ein ziemlich einsam gelegenes Wirthshaus, welches ganz allein zu stehen schien, weil das Dorf, zu dem es gehörte, ein tüchtig Stück seitab sich am Walde hinzog. Es schien eigentlich mehr eine vor kurzen Jahren entstandene Colonie, weßhalb es auch den vielverbreiteten und häufig vorkommenden Namen ›Neuland‹ führte. Das Gasthaus, von Steinen erbaut, von einem kleinen Gehöfte umgeben, sah äußerlich recht hübsch aus. »Hier bleiben wir Sie über Nacht, Heer Reichenborn!« erklärte der Kutscher. Reichenborn betrachtete das Haus und sagte kleinlaut: »Hier sieht mir's aus, als ob nicht viel Verkehr statt fände? Sollte man hier gut bedient werden, Kutscher?«
»Hier können Sie verlangen, was Sie wollen, guter Herr Reichenborn. Ich habe mich schon erkundiget. Alles kehrt hier ein, wer Sie den Weg macht. Heißt das, es fahren blutwenig Ekipaschen hier. Aber das Neuländer Wirthshaus ist proper; da können Sie verlangen, was Sie wollen.«
»Das glaub' ich gern,« seufzte Reichenborn; »aber ob ich erhalte, was ich verlange? . . .«
Doch da half kein Seufzen. Ohne Bedenken lenkte der Kutscher in den offenen Wagenschuppen ein und ehe die Wirthin ihren Gästen noch Zimmer angewiesen, standen die Pferde schon im Stalle. Dem Hausknecht, der sie versorgte, war dieß Geschäft geläufig und ging ihm rasch von der Hand; Pferde und Fuhrleute sprachen hier häufig ein. Seltener zeigten sich übernachtende Gäste mit höheren Ansprüchen; deßhalb konnte die Wirthin ihre Verlegenheit nicht verbergen und suchte dieselbe durch zuvorkommende Freundlichkeit auszugleichen.
»Hier giebt's nichts zu essen,« sagte Reichenborn zu seiner Frau, »als Rühreier und Schwarzbrot; das seh' ich schon am Zuschnitt. Zum Glück, daß kalte Küche und eine Flasche Rothwein in der Wagentasche steckt!«
Das obere Stockwerk bestand fast gänzlich aus einem großen Tanzsaale, in welchem die Honoratioren der umliegenden Dörfer ihre Kränzchen und Tänzchen abzuhalten pflegten; zu diesem
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