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Schwere Wetter

Titel: Schwere Wetter Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bruce Sterling
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sagte Alex mit mühsam unterdrückter Wut. »Das ist ja wohl die Höhe! Lassen Sie mich und meine Schwester in Ruhe, lassen Sie uns alle in Ruhe, Sie Narko von einem Hurensohn. Verschwinden Sie, bevor ich mich vergesse und eine noch größere Dummheit mache, als überhaupt hierherzukommen.«
    »Das hat so keinen Zweck«, sagte Leo. »Mir ist völlig schleierhaft, was du mit diesem lächerlichen Junkie-Starrsinn eigentlich erreichen willst. Wir kommen halt ein andermal wieder, wenn hier vernünftige Leute sind.«
    Alex nickte und verschränkte die Arme. »Okay. Yeah. Es ist zwecklos. Kommen Sie nächste Weihnachten wieder, großer Bruder. Aber jetzt verschwinden Sie. Und zwar jetzt gleich.«
    Leo und Smithers wechselten Blicke. Leo zuckte vielsagend die Achseln, hob die Schultern unter der wattierten brandneuen Safarijacke.
    Die beiden Männer stiegen ohne Eile in den Truck. Smithers ließ den Motor an, wendete und fuhr los. Alex bemerkte, daß Leo das Camp systematisch mit einer Videokamera abfilmte.
    Alex ging langsam zur Kommandojurte zurück. Bussard erwartete ihn an der Eingangsklappe. Sam hatte immer noch den Nowcasterhelm auf. Joe Brasseur war nirgendwo zu sehen.
    »Wer waren die Typen?« fragte Bussard.
    Alex zuckte die Achseln. »Kein Problem. Ich hab sie weggeschickt. Ein paar Bewerber.«

SIEBTES KAPITEL
     
    Sechs Wochen lang hatte ein unerschütterliches, gehässiges Hoch über Colorado gelegen. Es schien dort verankert zu sein. Das Hoch hatte sich nicht von der Stelle gerührt, aber stetig ausgedehnt. Eine gewaltige Kuppel trockener, überhitzter Luft hatte sich von Colorado bis in den Nordosten Mexikos und nach Oklahoma und Texas hinein ausgebreitet. Darunter herrschte bittere Dürre.
    Jane mochte Oklahoma eigentlich recht gern. Die Straßen waren im allgemeinen in einem besseren Zustand als in Texas, dafür war der Staat dichter besiedelt. Die öffentliche Ordnung war gut, die Menschen waren freundlich, und selbst außerhalb der riesigen Metropole von Oklahoma City gab es intakte Städtchen, wo man immer noch ein ordentliches Frühstück und eine gute Tasse Kaffee bekam. Der Himmel war ein wenig blauer in Oklahoma, und die wildwachsenden Blumen zeigten eine sanftere Farbpalette als die grellen Gewächse des texanischen Frühlings. Der Boden war fruchtbarer und hatte eine tiefere, rostrote Farbe, und ein großer Teil davon wurde landwirtschaftlich genutzt. Die Sonne stieg niemals so mörderisch hoch in den Zenit empor, und es regnete häufiger.
    Doch im Moment gab es keinen Regen. Nicht unter dem langsam anschwellenden kontinentalen Monster. Mächtige Sturmfronten waren über Missouri, Iowa, Kansas und Illinois hinweggefegt, aber das Hoch am Fuße der Rocky Mountains hatte sich von einer bloßen Tatsache erst in ein Ärgernis und dann in eine örtliche Plage verwandelt.
    Das Klimaanalysezentrum von SESAME übertrug gern eine graphische Standardkarte, ›Abweichung der Durchschnittstemperatur vom Normalwert in Grad Celsius‹, ein meteorologisches Dokument, das SESAME von irgendeiner präcybernetischen Regierungsstelle geerbt hatte. Das Format der Karte war lächerlich antiquiert, sowohl wegen der altmodischen Hervorhebung der Celsiuseinteilung (die alte Fahrenheitskala war schon seit vielen Jahren nicht mehr gebräuchlich), als auch aufgrund der wehmütigen Behauptung, beim amerikanischen Wetter gäbe es noch eine Art von ›Normalität‹. Die unterschiedlichen Temperaturen waren farblich scharf voneinander abgegrenzt, entsprechend der engen ästhetischen Grenzen der frühen Computergrafik, aber um der archivarischen Kontinuität willen war die Karte nie überarbeitet worden. In ihrer Zeit bei der Truppe hatte Jane Dutzende dieser Durchschnittstemperaturkarten gesehen, so viele auffällige, pinkfarbene Hitzegebiete jedoch noch nie.
    Es war erst Juni, und unter diesen pinken Hitzeflecken starben bereits die Menschen. Sie starben nicht in großer Zahl; so schlimm war es noch nicht, daß die staatlichen Stellen bereits vergitterte Evakuierungslaster losgeschickt hätten. Um diese Jahreszeit kam es häufig zu ungewöhnlichen Hitzewellen, ohne daß die Hitze tatsächlich tödlich gewesen wäre. Es war jedoch die Art Hitze, die den Stress um mehrere Grad nach oben trieb. Daher fielen die Herzschrittmacher der Alten aus, abends wurde geschossen, und in der Mall gab es eine Schlägerei.
    Die Temperaturkarte löste sich auf Charlies Bildschirm auf und machte einer neuen, gesprenkelten Abbildung Platz. SESAMEs

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