Schwere Wetter
Boden-Lidars.
»So was seh ich zum erstenmal«, bemerkte Jerry auf Charlies Beifahrersitz. »Guck dir bloß mal an, wie das Wetter ein gutes Stück vom Rand des Hochs entfernt umschlägt. Das ist höchst ungewöhnlich.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, wie irgend etwas passieren sollte, ehe diese Luftmasse in Bewegung kommt«, sagte Jane. »Das halte ich für ausgeschlossen.«
»Das Zentrum rührt sich ums Verrecken nicht, aber entlang der sekundären Trockenlinie wird's trotzdem heute noch losgehen«, meinte Jerry. »Wir werden erleben, wie sich ein paar F-2 und F-3 abspalten, und das« - er wählte seine Worte mit Bedacht - »wird bloß ein unbedeutendes Ereignis sein.«
Jane blickte zum nördlichen Horizont; die Unwetterlinie dort war ihr Ziel. Hinter einer Reihe verdorrter OklahomaPappeln ragten Wolkenungetüme in den Himmel - teilweise flach wie Papier oder halb konkav, nach Feuchtigkeit lechzend. Sie wirkten nicht bedrohlich, aber sie wirkten auch nicht unbedeutend; sie wirkten verkrampft. »Na ja«, sagte sie, »vielleicht kriegen wir ihn ja doch noch zu sehen. Vielleicht fängt ja so alles an.«
»Der F-6 müßte sich eigentlich anders bilden. Die Bedingungen der Mesosphäre sind völlig falsch, und der Jetstream hängt im Norden fest, als wäre er dort festgenagelt.«
»Aber dort sollte der F-6 entstehen. Und der Zeitpunkt stimmt auch. Was soll es denn sonst sein?«
Jerry schüttelte den Kopf. »Frag mich, wenn's losgeht.«
Jane seufzte, stopfte sich eine Handvoll Regierungsmüsli in den Mund und zog die gestiefelten Beine auf den Fahrersitz. »Mir will einfach nicht in den Kopf, warum du die Wetterberichterstattung aufgegeben hast und mit mir rausfährst, um ein paar Zacken festzunageln, und jetzt erzählst du mir, es handele sich um ein unbedeutendes Ereignis.«
Jerry lachte. »Zacken. Das ist wie beim Sex. Bloß weil man einmal damit zu Potte gekommen ist, heißt das nicht, daß man beim nächsten Mal kein Interesse mehr dran hat.«
»Es tut gut, dich bei mir zu haben.« Sie legte eine Pause ein. »In Anbetracht der Umstände warst du in letzter Zeit richtig nett zu mir.«
»Schatz«, sagte er, »du warst zwei Monate im Camp, bis meine Willenskraft erlahmt ist, weißt du noch? Wenn wir nicht miteinander schlafen können, dann tun wir's halt nicht. Ganz einfach.« Er zögerte. »Es ist beschissen, das stimmt, aber so einfach ist das.«
Jane wußte es besser, als daß sie ihm seine männliche Prahlerei so einfach abgekauft hätte. Nicht alles stand im Camp zum Besten. Da waren ihre Infektion, die Trockenheit. Die Nerven, die Rastlosigkeit. Fehlgeschlagene Verbindungen.
Was Jane an der Sturmjagd am meisten mochte, das war die befreiende Art und Weise, wie die gewaltigen Stürme alles, was in ihrem Privatleben nicht stimmte, zerschmetterten und bedeutungslos werden ließen. Man konnte angesichts eines Monstertornados nicht seine eigene Angst ausschwitzen; das war dumm und vulgär und völlig daneben, etwa so, als wollte man den Grand Canyon zu seinem Spucknapf machen.
Sie liebte Jerry; sie liebte ihn als Mensch, von ganzem Herzen, und bestimmt hätte sie ihn ebensosehr geliebt, wenn er ihr keine Tornados geschenkt hätte. Sie hätte Jerry selbst dann geliebt, wenn er beispielsweise ein durchschnittlicher, überhaupt nicht exotischer, blasser Ökonom gewesen wäre. Jerry war geschickt, vielseitig gebildet, engagiert und, wenn man sich erst einmal an ihn gewöhnt hatte, auch recht attraktiv.
Manchmal war Jerry sogar komisch. Bisweilen glaubte sie, daß sie auch unter anderen Umständen seine Geliebte oder sogar seine Frau geworden wäre.
Dann wäre es wohl eher so gewesen wie in ihren früheren Beziehungen; die mit dem Zerdeppern von Vasen und den Schreikrämpfen und der absoluten, pechschwarzen Verzweiflung, drei Uhr Morgens auf dem Rücksitz einer Limousine.
Jerry brachte sie dazu, verrückte Dinge zu tun. Jerrys Verrücktheiten hatten ihr jedoch stets gut getan und sie stärker gemacht, und in Jerrys Gegenwart hatte sie zum erstenmal in ihrem Leben nicht das deprimierende Gefühl, ihr eigener größter Feind zu sein. Sie war immer zu hochgespannt und zu aufgedreht gewesen und hatte den Teufel im Leib gehabt; im Rückblick sah sie das jetzt ganz deutlich. Jerry war der erste und einzige Mann in ihrem Leben, der ihren Teufel wirklich zu würdigen gewußt hatte, der ihren Teufel akzeptiert und lieb zu ihm gewesen war, der ihrem Teufel teuflisch-fiese Dinge zu tun gegeben hatte. Ihr Teufel war
Weitere Kostenlose Bücher