Schwert und Laute
Caitlin?«
Plötzlich klang seine Stimme hart. Von neuem legte er die Hände um meine Schultern, aber dieses Mal schroff. Ich erstarrte unter seinem zornigen Blick.
»Lass mich, Colin...«
»Antworte mir.«
»Ja, ich wusste es.«
Sein Gesicht nahm einen bestürzten Ausdruck an. Er öffnete den Mund zum Sprechen, blieb aber stumm. Nur seine Augen zeugten von seinem Schmerz. Ich fühlte mich furchtbar feige, wie eine Verräterin. Wenn Meghan das Kind von Liam getragen hätte, wäre ich frei für ihn gewesen. Liam hätte Meghan zur Frau nehmen müssen, darauf hätte der Chief bestanden.
»Warum, Caitlin...?«
Er ließ die Frage im Raum stehen, offenbar wollte er keine Antwort hören. Seine Hände gaben mich frei, glitten an meinem Hals hinauf und legten sich um mein Gesicht.
»Ich weiß. Sag nichts mehr«, fuhr er fort und sah auf meinen Mund.
Die Erinnerung an jenen geraubten Kuss brannte auf meinen Lippen wie eine Todsünde. Ich schloss die Augen. Ein verbotenes Gefühl flatterte zart wie ein Schmetterling in mir auf
und versuchte, sich einen Weg zu bahnen. Ich bekam keine Luft mehr.
»Verzeih mir. Ich hatte versprochen, dich nicht mehr zu behelligen.«
Ich stieß ein ersticktes Schluchzen aus und konnte nur wortlos nicken.
»Noch ein Letztes, bevor ich gehe.«
»Was denn?«, fragte ich und schlug die Augen wieder auf.
»Ich dachte, du würdest vielleicht gern wissen, dass eine Gruppe von Männern sich anschickt, nach Keppoch und Achnacarry aufzubrechen. Sie werden eine Clanversammlung abhalten, um zu entscheiden, welche Maßnahmen gegen Campbell und seine Bande ergriffen werden. John ist dir dankbar für deine Hilfe bei der Suche nach dem Schuldigen.«
»Eigentlich habe ich gar nichts dazu getan«, gab ich freundlicher zurück. »Gehst du mit ihnen?«
»Ja, allein schon die Aussicht, einen Campbell in Stücke zu hauen... Und umso mehr, wenn wir tatsächlich Meghans Mörder finden. Wir werden kurzen Prozess mit ihm machen.«
Sein Mund verzog sich zu einem hinterlistigen Grinsen. Er ging zur Tür und blieb dann auf der Schwelle stehen.
»Wenn du noch etwas anderes brauchst, Caitlin, lass es mich wissen. Pass auf dich auf.«
»Ja, danke«, sagte ich und lächelte ihm verhalten zu.
Er erwiderte mein Lächeln und ging.
Eine Woche später kehrten die Männer von Glencoe zurück. Sie hatten einen Plan beschlossen, um dieses Wolfsrudel unschädlich zu machen, doch die ganze Sache hatte einen Haken: In ganz Glenlyon gab es mindestens fünf Männer mit Namen Ewen Campbell. Sie mussten also unbedingt sichergehen, den richtigen Missetäter zu ergreifen, ansonsten konnten die Folgen für die beteiligten Clans katastrophal ausfallen. Daher wurden Männer in die Heide und in die Berge geschickt, um geduldig darauf zu warten, dass die fragliche Person einen Fehler machte, um den Übeltäter offiziell zu entlarven.
Währenddessen gab ich mir Mühe, die Leere in meinem Leben
mit alltäglichen Tätigkeiten auszufüllen. Doch in Gedanken war ich anderswo. Ich verlegte Gegenstände, vergaß, wo ich sie gelassen hatte, suchte danach oder verlor sie. Seit dem Tag, als Colin mir seinen Besuch abgestattet hatte, wusste ich nicht mehr, woran ich war. Oft ertappte ich mich bei dem Gedanken daran, wie er tröstend die Arme um mich gelegt hatte. An seine sanften Küsse, seine zärtlichen Worte... Mein Herz war vollständig verwirrt. Liam war schon zu lange fort. Drei Wochen bereits. Jeden Morgen ritzte ich in einen der Bettpfosten eine Kerbe ein, die ich abends im Dunkeln mit den Fingerspitzen streichelte, als wolle ich mich an die Narben in meinem Herzen erinnern.
Ich wanderte seit mehr als einer Stunde. Die Sonne schien hell herunter und verbrannte mir die Haut. Seit dem Frühstück quälte mich eine vage Übelkeit. Ich hatte nichts gegessen, denn ich hatte schon lange keinen Appetit mehr. Die Nahrung ekelte mich an. Sogar mein Körper rebellierte gegen Liams Verhalten.
Unter dem bebenden Laubdach einer Birke suchte ich ein wenig Schatten. Ich sah über die Hügel hinaus und dachte über mein Leben hier nach. Es hatte keinen Sinn mehr. Sollte ich denn mein ganzes Leben lang auf Liam warten? Dass Colin ins Tal zurückgekehrt war, trug ebenfalls nicht dazu bei, mir das Leben leichter zu machen. Patrick hatte bemerkt, dass mein Verhalten sich seit jenem Tag plötzlich verändert hatte, doch er hatte nicht gewagt, mich darauf anzusprechen. Er hatte sich mit seinem Schwager angefreundet und verstand sich recht gut mit ihm,
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