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Schwert und Laute

Schwert und Laute

Titel: Schwert und Laute Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sonia Marmen
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verschwiegen. Er wusste, dass du wütend auf mich geworden wärest, und dass ich zugleich der einzige Mensch war, auf den du dich wirklich verlassen konntest. Glaub mir, es tut mir aus tiefster Seele leid. Ich wollte euch beiden helfen. Der Pass sollte es euch ermöglichen, aus Schottland zu fliehen, ehe er festgenommen wurde. Ich schwöre dir, wenn ich gewusst hätte... Aber da war es schon zu spät. Ich hatte ihm das Dokument schon übergeben, bevor er verhaftet wurde, und er hatte es an einem sicheren Ort verborgen, um es sich nachher holen zu können... Caitlin, es tut mir schrecklich leid.«
    Seine Miene drückte tiefe Verzweiflung aus, aber er hielt meinem Blick stand und wartete darauf, dass ich ihm vergab.
    »Ach, Patrick!«
    Schluchzend schmiegte ich den Kopf an seine Schulter. Er umarmte mich fest und vergrub die Nase in meinem Haar.
    »Verzeih mir, Caitlin«, flüsterte er. »Ich hätte nie daran gedacht, dass er den Pass auf diese Weise verwenden würde.«
    »Sag mir, Patrick, kann man zugleich lieben und hassen? Manchmal vermag ich keinen Unterschied mehr dazwischen zu erkennen, als könne ich nicht fortfahren, ihn zu lieben, ohne ihn zu hassen... und das macht mir schreckliche Angst. Manchmal hasse ich ihn so sehr, dass ich ihn für das, was er mir angetan hat, ebenso leiden lassen möchte, wie ich gelitten habe. Ich sage mir, dass er bloß ein Feigling ist, ein Fahnenflüchtiger, ein dreckiger Egoist von einem Schotten. Dann wieder sage ich mir, dass ich diese ganze Hölle noch einmal durchleben würde,
um ihn wieder bei mir zu haben. Warum muss Liebe nur so wehtun?«
    »Ich weiß es nicht, Schwester, ich weiß es wirklich nicht.«
    Nach einer Weile löste ich mich von ihm, schniefte und trocknete mir die Augen.
    »Geh ruhig wieder aufs Feld und hilf Sàra. Es wird nicht mehr lange dauern, bis es regnet, und wir müssen den Hafer in die Scheune bringen, solange er noch trocken ist. Ich stoße später wieder zu euch, jetzt muss ich einen Moment allein sein.«
    »Bist du dir sicher, dass es dir gut geht?«
    »Ja«, antwortete ich bedrückt.
    Er schob eine meiner Haarsträhnen zurück und küsste mich auf die Stirn. Noch ein zögernder Blick, dann drehte er sich um und stieg den Hügel wieder hinab.
    Ich setzte mich unter eine Eiche, lehnte mich an den Stamm und ließ den Blick über das Tal schweifen, das sich unter mir erstreckte. Von hier aus konnte ich bis zum Loch Leven sehen. Diese Landschaft war einfach atemberaubend. Ein grüner Pflanzenteppich überzog die kahlen Bergflanken und schmiegte sich in die Falten der düsteren Felsmassive. Und inmitten dieser ganzen Herrlichkeit lag Carnoch. Ich fragte mich, ob Liam das Tal mit den gleichen Augen sah wie ich, nachdem er hier geboren worden und aufgewachsen war, nachdem er gesehen hatte, wie seine Leute litten, wie man seine Ansiedlungen gebrandschatzt und dem Erdboden gleichgemacht hatte und wie Glencoe dann aus seiner Asche wieder auferstanden war. Wahrscheinlich nicht.
    Ich sah den Möwen nach und dann den Schwänen. Einer von ihnen ließ sich am Seeufer nieder. Wohin flogen sie, wenn sie von hier aufbrachen? Überquerten sie das Meer bis zum Kontinent? Schließlich erhob der Vogel sich in die Lüfte. Flieg! Trag mein Herz davon. Nimm meine Liebe mit. Überquere das Wasser und flieg bis in dieses Land, das ich nicht kenne. Nimm mein Herz mit und sag meinem Mann, dass ich ihn liebe und das Warten nicht länger ertrage ...
    Plötzlich zog eine Bewegung über mir meinen Blick auf sich. Eilig rappelte ich mich auf und zog meinen Dolch aus seinem Futteral. Etwas Dunkelrotes glitt zwischen den Bäumen hindurch
und tauchte auf einem Felssims auf. Eindeutig, ich wurde verfolgt.
    »Mein Gott«, hauchte ich dann und fiel auf die Knie.
    Das Blut pochte mir in den Schläfen. Ich wagte nicht, mich zu rühren, und blieb lieber in Deckung, unter dem Blätterdach meines Baumes. Der Mann war zu weit entfernt, als dass ich seine Züge hätte ausmachen können, aber ich erkannte die herrliche rote Lockenmähne, die ihm auf die Schultern fiel. Die hünenhafte Gestalt war unverkennbar: Das war er... Liam...
    Was sollte ich tun? Ich fühlte mich nicht bereit, ihm gegenüberzutreten. Ich war viel zu sehr mit meinem Kummer beschäftigt gewesen und hatte noch keine Kraft gehabt, einen Schutzwall um mich zu errichten. Ich fühlte mich ohnmächtig und verletzlich, und mein Herz zögerte, zu ihm zu gehen...
    Zitternd stieg ich den Hügel hinab. Es begann zu regnen. Als ich den

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