Schwert und Laute
die Sprache. Dann hatte also er sich in den Hügeln an mich herangeschlichen.
»Ich habe dich von dem Felssims aus beobachtet. Und dann, gestern, nach deinem kleinen... Disput mit Patrick, hast du direkt unterhalb von mir Zuflucht gesucht. Du warst mir so nahe... Ich wollte dir zu verstehen geben, dass ich wieder zurück in Glencoe bin. Und ich wollte dir ein wenig Zeit lassen, dich an den Gedanken zu gewöhnen. Ich wollte nicht Gefahr laufen, dein Gesicht zu sehen, wenn du mir die Tür öffnest, ohne mit mir gerechnet zu haben.«
Ich setzte mich im Bett auf und zog die Knie an.
»Es stimmt, ich nehme es dir übel, Liam. Nach zwei Wochen in der Hölle, in denen ich mir vorgestellt habe, wie du an einem Strick baumelst, hast du mich... gedemütigt und dann verlassen. Anschließend musste ich zusammen mit meinem Bruder, der sich hier nicht besser auskennt als ich, halb Schottland durchqueren. Und dann noch drei Wochen, in denen ich mich gefragt habe, ob ich dich je wiedersehen würde.«
Ich unterbrach mich kurz und wandte den Blick ab.
»Als ich dich gestern gesehen habe, da wollte ich dich leiden lassen, genauso viel wie ich gelitten habe. Es hat so wehgetan... Kurz ist mir sogar der Gedanke durch den Kopf gegangen, die Tür zu verriegeln.«
»Aber du hast es nicht getan«, murmelte er und streichelte meine Wange.
Ich schlug die Augen nieder und betrachtete den Ehering, der an meinem Finger schimmerte.
»Nein, ich konnte es nicht...««
»Danke«, sagte er schlicht.
»Allein schon für den Höllenschrecken, den du mir vor zwei Tagen bereitet hast, hättest du eine ordentliche Tracht Prügel verdient. Und außerdem, warum hast du meinen Spiegel genommen?«
»Deinen Spiegel?«
Verständnislos zog er die Augen zusammen.
»Aber ja, den, den ich für gewöhnlich auf die Kommode stelle.«
»Ich bin vorgestern Abend nicht hergekommen. Von was für einem Schrecken sprichst du?«
»Unterhalb des Meall Mor... Da hast du mich beobachtet.«
»Nein, seit meiner Rückkehr bin ich auf dieser Seite des Tals geblieben.«
Er wirkte aufrichtig verwirrt über meine rätselhaften Andeutungen. Und außerdem besorgt. Ich erschrak. Dann war das bei dieser Gelegenheit gar nicht er gewesen...
»Du trägst doch immer deinen Dolch bei dir, oder, Caitlin?«
»Ja...«
»Ist dieser Campbell noch einmal in der Gegend gesehen worden?«
»Nein, nicht dass ich wüsste.«
»Und du bist dir ganz sicher, dass nicht zufällig ein Hirsch oder eine Ziege dir ›nachspioniert‹ haben?«
Er lachte.
»Das hätte aber eine recht putzsüchtige Ziege sein müssen, denn sie hat den Spiegel fallen lassen, nach dem ich zwei Tage lang gesucht hatte.«
Da verstummte er.
Wir trafen Patrick auf der Bank vor Sàras Hütte an, wo er faul in der Sonne saß, mit vollem Bauch und einem seligen Lächeln auf den Lippen. Als er uns sah, warf er mir einen besorgten Blick zu
und seufzte dann erleichtert auf, als er meine strahlende Miene bemerkte. Sàra begrüßte ihren Bruder überschwänglich. Die beiden Männer dagegen musterten einander ein wenig kühl. Patrick nahm es Liam übel, dass er mich allein gelassen hatte; und Liam für seinen Teil schätzte es nicht besonders, dass mein Bruder es sich so behaglich auf der Türschwelle seiner Schwester machte, als wäre er hier der Hausherr. Ich allerdings war heute frohen Mutes und mir war alles recht, solange nur mein Mann an meiner Seite war.
Liam hatte viel nachzuholen. Der Vorratsschrank war so gut wie leer. Mit dem Geld, das Colin mir gegeben hatte, hatte ich die getrockneten und unverderblichen Lebensmittel auffüllen können; aber da Patrick zwar gern aß, aber nicht besonders gut jagte, waren meine Fleischreserven beträchtlich geschrumpft. Der Himmel war klar und das Wetter kühl, daher beschlossen wir, auf die Jagd zu gehen.
Die Ebene von Rannoch Moor war eigentlich nichts anderes als ein Stück brachliegenden, öden Geländes mit schwammigem Boden zwischen Glencoe und Glenlyon. Hier und da standen kleine Bäume, die ganz verkümmert und krumm waren, weil sie sich so große Mühe geben mussten, sich durch den Granitboden zu schieben, der von Wind und Regen abgeschliffen war. Liam hatte mir ausdrücklich verboten, von den Pfaden abzuweichen, denn in dieser Gegend gab es verräterische versteckte Torfmoore, die so tief sein konnten, dass sie einen Menschen zusammen mit seinem Pferd verschlingen konnten.
Liam war damit beschäftigt, einen jungen Hirsch zu zerteilen, um das Fleisch besser
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