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Schwert und Laute

Schwert und Laute

Titel: Schwert und Laute Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sonia Marmen
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fortbringen zu können. Der Geruch nach Blut und rohem Fleisch verursachte mir Übelkeit, und ich wandte mich ab, um den heftig aufsteigenden Brechreiz zu unterdrücken.
    »Geht es dir nicht gut?«, fragte er, als er meine wächserne Gesichtsfarbe bemerkte.
    »Doch, doch«, log ich. »Das muss die Hitze sein.«
    »Es ist ja nicht einmal warm, a ghràidh !«, rief er achselzuckend aus.
    Der Anblick seiner Arme, an denen das Blut des Tieres herunterlief, war zu viel für meinen Magen. Eilig lief ich hinter einen
Ginsterbusch, um das Wenige, das ich zum Frühstück mühsam heruntergebracht hatte, von mir zu geben. Ich legte die Hände über meinen Leib und setzte mich an den kleinen, dunklen See. Meine Blutung war seit zwei Monaten ausgeblieben. Im ersten Monat hatte ich mir nicht allzu viele Gedanken gemacht. Damals war ich auf Dunning Manor gefangen gewesen und hatte meine Übermüdung und Entkräftung dafür verantwortlich gemacht. Aber seit einer Woche litt ich unter Übelkeit. Nichts wirklich Lästiges, nur von dem Geruch von Heringen − und jetzt von frischem Blut − drehte sich mir der Magen um.
    Ich besprengte mir das Gesicht mit kaltem Wasser und spülte mir den Mund aus. Liam wickelte die größeren Fleischstücke in die Haut des Tiers und band das Paket an seinen Sattel. Den Rest verpackte er in Beutel. Ich lag im Gras und beobachtete zerstreut einen Falken, der über uns kreiste und dann auf einen Pitpit-Vogel niederstieß, der in einem Büschel Wollgras auf dem anderen Ufer des Loch nach Futter suchte. Ich schloss die Augen. Ich erwartete ein Kind, und Gott sei Dank war Liam der Vater. Eigentlich hätte ich vor Freude außer mir sein sollen, doch das brachte ich nicht fertig. Nicht, dass ich dieses Kind nicht gewollt hätte. Gott, nein! Ich freute mich sogar darauf. Doch leider warf die Erinnerung an Stephen einen Schatten auf mein Glück.
    Ich hatte schon einen Sohn, doch ich würde ihn nie kennen lernen. Er war protestantisch getauft und würde nach englischen Vorstellungen erzogen werden. Später würde er Katholiken, Schotten und Iren verachten und sich über die Sprache und auch die Sitten und Gebräuche seiner Vorfahren lustig machen. Er würde zum Gegenteil dessen werden, was seine Herkunft ihm bestimmte, und zwischen uns beiden würden in alle Ewigkeit Welten liegen.
    Beißender Rauchgeruch riss mich aus meinen trüben Gedanken. Ich verzog das Gesicht und rappelte mich hastig auf. Im Osten, auf der Ebene von Rannoch Moor, stieg eine dicke schwarze Rauchsäule auf. Liam hatte sie ebenfalls gesehen und gerochen und warf mir einen besorgten Blick zu.
    »Auf den Sommerweiden brennt eine Hütte«, rief er mir zu
und spülte sich eilig die blutverkrusteten Arme ab. »Nimm Ròs-Muire, Caitlin, wir sehen nach.«
    Er trocknete sich an seinem fleckigen Plaid ab, zog seine Pistole aus dem Gürtel und schwang sich hinter mir auf Stoirm. Nach einigen Minuten im Galopp trafen wir auf eine bedrückende Szene. Eine Torfhütte stand in Flammen. Wir stiegen ab und umrundeten den brennenden Unterstand. Mir gefror das Blut in den Adern. Ein Mann lag mit dem Gesicht nach unten in einer Blutlache. Man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Ein Stück weiter lag eine Frau am Fuß eines Haufens frisch gestochener Torfsoden und stöhnte schwach. Ich lief zu ihr. Sie war noch bei Bewusstsein, aber ich vermutete, dass sie nicht mehr allzu lange zu leben hatte. Aus einem Blutfleck, der das Mieder ihres Kleides durchtränkte, ragte ein Dolch. Ich zog ihre Röcke hinunter, die bis an ihre Taille hochgeschoben waren, und biss mir wutentbrannt auf die Lippen. Als sie mich bemerkte, packte sie meinen Arm und zog mich zu sich.
    »Was ist geschehen?«, fragte ich leise.
    »Sie waren zu acht... Sie haben mir Gewalt angetan... vor den Augen meines Mannes, und dann haben sie ihn getötet...«
    Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern, und ihre Augen verdrehten sich immer wieder. Offensichtlich unternahm sie eine übermenschliche Anstrengung, um mir von den Ereignissen zu berichten. Ein Blutfaden rann aus ihrem Mund, der sich unter Schmerzen verzog.
    »Wer hat das getan?«, brüllte Liam und fiel neben uns auf die Knie.
    Die Frau wandte ihm den Blick zu und streckte mühsam die blutige Hand nach seinem Plaid aus, um ihn zu berühren.
    »Ihr seid ein Mann aus Glencoe...«, stellte sie mit schwacher Stimme fest.
    »Ja. Wer hat das getan?«, fragte er noch einmal, sanfter jetzt.
    »Campbell... Ewen Campbell, Sohn des John... der

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