Schwert und Laute
Neffe des Laird...
Liam stieß einen Pfiff aus und fluchte mit gesenktem Kopf.
»Wer seid Ihr?«, fragte ich die Sterbende.
Sie schloss die Augen. Ihre Stimme wurde schwächer, und ich konnte ihre Worte kaum verstehen.
»Janet... mein Mann... Murdoch Macgregor... Er wollte... ihn melden... wegen der Diebstähle und der Morde... an den Tacksmen ...«
Sie atmete immer schwerer. Ich bettete ihren Kopf auf meine Knie und wiegte sie sanft, bis sie ihren letzten Atemzug tat.
Der säuerliche Geruch des trocknenden Torfs mischte sich mit Rauch und Blutgestank, drang in meine Nase und meine Kehle, wo er einen strengen Geschmack hinterließ, und brannte in meinen Augen. Liam legte einen letzten Stein auf die provisorischen Gräber, während ich ein kurzes Libera me murmelte. Dann machten wir uns auf den Rückweg nach Glencoe.
»Das ist der Beweis, auf den die Männer des Clans gewartet haben«, meinte ich nachdenklich, den Blick in die Ferne gerichtet.
»Wovon redest du?«
»In den letzten Wochen sind drei Tacksmen aus Keppoch und Lochiel ermordet worden. Bei einem dieser Morde war ich Zeugin. Ich habe Campbell dabei beobachtet, wie er Allan Macdonald kaltblütig getötet hat.«
Liam packte Ròs-Muire am Zaumzeug, damit sie stehen blieb, und sah mir verblüfft ins Gesicht.
»Wann war denn das?«
»Als ich nach Glencoe zurückgeritten bin, am Ufer des Loch Iubhair.«
»Und du hast Campbell gesehen? Du bist dir ganz sicher, dass er es war?«
»Es war dunkel, aber Macdonald hat seinen Namen gerufen, bevor sie ihn mit dem Schwert durchbohrt haben. Allerdings gibt es in Glenlyon fünf Ewen Campbells, und die Männer wollten sicher sein, dass sie es mit dem Richtigen zu tun hatten. Doch ich glaube, jetzt haben wir unsere Antwort. Es kann nur einen einzigen Ewen geben, der zugleich der Neffe des Laird ist.«
Konsterniert schüttelte Liam den Kopf.
»Hat er dich gesehen?«, wollte er, plötzlich besorgt, wissen.
»Nein.«
Kurz schloss er die vom Rauch geröteten Augen und seufzte.
»Komm, reiten wir zurück«, sagte er und ließ den Zaum meines Pferdes los.
Er gab Stoirm die Sporen und sprengte im Galopp voran.
Noch am selben Abend versammelten sich die Männer des Clans. Allein in unserer Kate, wartete ich brav vor dem Feuer und fädelte einen roten Wollfaden in eine Nadel, um zwei Tartan-Bahnen zu einem Plaid zusammenzunähen. Handarbeiten lagen mir ganz entschieden nicht. Lieber hätte ich im Ratssaal gesessen und aus meiner Ecke heraus friedlich den Highlandern beim Palavern zugehört. Aber... nun gut. Die Frauen mussten eben an ihrem Platz bleiben.
Der Wind hatte aufgefrischt. Sein unheimliches Murmeln im Kamin passte zu meinen trüben Gedanken. In den Bergen grollte der Donner. Es würde nicht lange dauern, bis wieder einmal ein Gewitter ausbrach. Das Wetter in diesen Highlands war wirklich scheußlich!
Ein Blitz zuckte über den Himmel. Ich stach die Nadel in den groben Wollstoff, der in der vergangenen Woche gewalkt worden war. Das Nähen mochte ich nicht, dagegen machte mir das Walken der Wolle Spaß, wenngleich es anstrengend war. Die Frauen versammelten sich vor langen Rosten aus Holz, auf denen die feuchten, frisch gewebten Bahnen aus Wollstoff ausgelegt waren. Im Takt wurde der Stoff dann mit den nackten Füßen bearbeitet und auf die Bretter getreten. Mit fröhlichem Herzen, die Fersen voller Blasen, folgte ich dem Rhythmus und skandierte zusammen mit den Frauen, die mich inzwischen als eine der Ihrigen betrachteten, muntere Melodien. Ich hatte eine Familie gefunden.
»Autsch!«
Betreten betrachtete ich den Blutstropfen, der aus der Spitze meines Zeigefingers quoll, und führte den Finger zum Mund. Also wirklich, die Nadeln und ich... Ein weißes Licht erhellte die Hütte, und ich hob den Kopf und meinte, am Fenster eine Bewegung zu erhaschen. Doch jetzt herrschte draußen wieder pechschwarze Nacht. Wahrscheinlich war das nur der Schatten des Kirschbaums gewesen, den der Blitz geworfen hatte. Ich beugte
mich erneut über meine Arbeit und zog im schwachen Licht des Talglichts, das einen Ekel erregenden Geruch ausströmte, die Augen zusammen. Kerzen aus Bienenwachs mit ihrem feinen Duft waren im armen Hochland nicht verbreitet.
Doch ich konnte mich nicht konzentrieren, legte das halb fertige Plaid zur Seite und rieb mir die Augen. Was die Männer wohl in diesem Moment taten? Zu welcher Entscheidung mochten sie gelangt sein? Die begangenen Verbrechen würden nicht ungesühnt bleiben. Seit dem
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