SdG 04 - Die eisige Zeit
übermitteln.«
»Das ist keine Einladung, Herrin. Das ist eine Forderung.«
Ihr Lachen klang süß und kehlig. »Mein lieber Diener, es gibt niemanden, dem der Lord der Dunkelheit nicht mit ruhigem, unerschütterlichem Blick gegenübertreten würde. Betrachte das als eine Warnung.«
»Dann werden unsere Schwerter sich kreuzen, Herrin. Er ist der Siebte. Ich bin der Dritte.«
Sie drehte sich mit verschränkten Armen zu ihm um. »Ach, tatsächlich! Weißt du, wo die Hand voll Seguleh-Seelen geblieben sind, nachdem er sie getötet hat? Und das gilt auch für den Siebten. Im Innern des Schwertes Dragnipur, dort sind sie jetzt. Angekettet für alle Ewigkeit. Willst du dich wirklich zu ihnen gesellen, Mok?«
Aus der Dunkelheit jenseits des Feuerscheins erklang ein weiteres, dumpfes Geräusch, dann folgte Stille.
»Seguleh, die sterben, haben versagt«, sagte Mok. »Wir verschwenden keine Gedanken an jene von uns, die versagt haben.«
»Schließt das auch Euren Bruder mit ein?«, fragte Toc sanft.
Tool war wieder aufgetaucht, sein Feuersteinschwert in der linken Hand, während er mit der Rechten Thurule am Kragen hinter sich herzog. Der Kopf des Seguleh schwankte von einer Seite zur anderen. Hinter den beiden tappten schwanzwedelnd der Hund und der Wolf.
»Habt Ihr meinen Diener getötet, T’lan Imass?«, wollte Lady Missgunst wissen.
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Toc. »Ein gebrochenes Handgelenk, gebrochene Rippen, ein halbes Dutzend Schläge auf den Kopf. Ich glaube, er wird sich wieder erholen. Nach einiger Zeit.«
»Nun, ich fürchte, das wird nicht ganz reichen. Bringt ihn bitte her. Hierher, zu mir.«
»Er darf nicht magisch geheilt werden«, sagte Mok.
Lady Missgunst verlor die Beherrschung. Sie wirbelte herum, eine Woge silbriger Macht brandete aus ihr heraus, traf Mok, wirbelte ihn durch die Luft. Er landete mit einem satten, dumpfen Dröhnen wieder auf dem Boden. Der silbern glänzende Schimmer verschwand. »Diener stellen keine Forderungen an mich! Ich habe dich daran erinnert, wo dein Platz ist, Mok. Ich vertraue darauf, dass ich das nicht öfter tun muss.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Thurule zu. »Ich werde ihn heilen. Schließlich«, fuhr sie in einem deutlich sanfteren Tonfall fort, »weiß jede einigermaßen kultivierte Lady, dass drei Diener nun wirklich die absolute Untergrenze sind.« Sie legte dem Seguleh eine Hand auf die Brust.
Thurule stöhnte.
Toc warf Tool einen Blick zu. »Beim Atem des Vermummten, du bist ja völlig zerhackt!«
»Es ist sehr lange her, dass ich das letzte Mal solch einem würdigen Gegner gegenübergestanden habe«, sagte Tool. »Und es war eine noch größere Herausforderung, da ich nur die flache Seite meiner Klinge benutzt habe.«
Mok rappelte sich langsam wieder auf. Bei den letzten Worten des T’lan Imass erstarrte er und wandte sich dann langsam dem untoten Krieger zu.
Ich will verdammt sein, Tool, du hast dem Dritten ein bisschen was zum Nachdenken gegeben.
»Heute Abend wird es keine weiteren Duelle geben«, sagte Lady Missgunst mit strenger Stimme. »Beim nächsten Mal werde ich meinen Zorn nicht zügeln.«
Mok wandte seine Aufmerksamkeit beiläufig von dem T’lan Imass ab.
Lady Missgunst streckte sich. »Thurule ist geheilt«, sagte sie. »Ich bin beinahe müde! Senu, mein Lieber, pack die Teller und das Besteck aus. Und den Roten aus Elin. Jetzt brauchen wir alle ein gutes, ruhiges Mahl, würde ich sagen.« Sie warf Toc einen raschen Blick zu und lächelte. »Und geistreiche Gespräche, stimmt’s?«
Jetzt war Toc an der Reihe, ein Stöhnen von sich zu geben.
Die drei Reiter zügelten ihre Pferde auf der Kuppe des niedrigen Hügels. Elster zog sein Reittier herum, so dass er noch einen Blick auf Fahl werfen konnte, und starrte einige Zeit zu der Stadt hinüber; seine hervortretenden Kiefermuskeln verrieten seine Anspannung.
Der Schnelle Ben sagte nichts, sondern beobachtete den graubärtigen Kommandanten, seinen alten Freund, stumm und verständnisvoll. Auf diesen Hügel sind wir gekommen, um Locke zu retten. Hier hat er gelegen, und um ihn herum haufenweise leere Rüstungen – bei den Göttern, sie sind immer noch hier, verrotten im Gras –, und Flickenseel, die einzige Zauberin, die noch vom Kader übrig war und auf eigenen Beinen stehen konnte. Wir waren gerade aus den eingestürzten Tunneln gekrochen, hatten Hunderte von Brüdern und Schwestern verschüttet hinter uns zurückgelassen. In uns loderte die Wut …
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