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SdG 05 - Der Tag des Sehers

SdG 05 - Der Tag des Sehers

Titel: SdG 05 - Der Tag des Sehers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Steve Erikson
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schließlich eingeholt – nur, um dann aufzuwachen. Urplötzlich, als wäre sie weggerissen worden, am ganzen ausgemergelten Körper zitternd, mit schmerzenden Gelenken. Eine Art Flucht, doch in Wirklichkeit tauschte sie lediglich einen Albtraum gegen den anderen ein.
    Eine Illusion. In jeder Hinsicht.
    Dieser Wagen war zu ihrer ganzen Welt geworden, eine Art Scheinzuflucht, die immer und immer wieder auftauchte, wenn sie, erwachte. Die groben Wolldecken und die Felle, in die sie gehüllt war, waren ihre ganz persönliche Landkarte – ein ödes Gebiet aus schwärzlich braunen Falten, die dem erstaunlich ähnlich waren, was sie im Griff des Drachen gesehen hatte, als das untote Wesen in ihrem Traum hoch über die Tundra geflogen war, und die ein Echo jener Freiheit anklingen ließen, die sie damals empfunden hatte – ein Echo, das etwas schmerzhaft Hämisches hatte.
    Links und rechts von ihr verliefen hölzerne Leisten. Ihre Maserung und die gelegentlichen Astknoten waren zu etwas Vertrautem geworden. Sie erinnerte sich, dass hoch im Norden, bei den Nathii, die Toten in hölzernen Kisten begraben wurden. Diese Sitte war vor vielen Generationen entstanden, hatte sich aus der weit älteren Praxis entwickelt, die Leichen in ausgehöhlten Baumstümpfen zu beerdigen. Die Kisten wurden dann begraben, denn Holz wurde aus der Erde geboren und musste also auch zur Erde zurückkehren. Ein Gefäß des Lebens, das nun ein Gefäß des Todes war. Die Mhybe stellte sich vor, dass das, was ein toter Nathii Augenblicke bevor der Deckel herabsank und die Dunkelheit alles verschlang, sehen würde – wenn er noch sehen könnte – dem entsprechen würde, was sie nun sah.
    Er würde, unfähig, sich zu bewegen, in der Kiste liegen und darauf warten, dass der Deckel geschlossen wurde. Ein Körper jenseits der Brauchbarkeit, der auf die Dunkelheit wartete.
    Doch es würde kein Ende geben. Nicht für sie. Sie hielten es von ihr fern. Gaben sich ihrem Irrglauben von Barmherzigkeit und Mitleid hin. Die Daru, die sie ernährten, die Rhivi, die sie sauber machte und wusch und die dünnen Strähnen kämmte, die noch von ihren Haaren übrig waren. Gesten der Bosheit. Wieder und wieder aufs Neue durchgespielte Folterszenen.
    Die Rhivi saß nun über ihr, zog mit gleichmäßigen Bewegungen den Hornkamm durch das Haar der Mhybe und summte dabei ein Kinderlied. Es war eine Frau, an die sich die Mhybe aus ihrem anderen Leben erinnerte. Damals war sie ihr alt vorgekommen, eine unglückliche Frau, die von einem Bhederin einen Tritt gegen den Kopf bekommen hatte und daher in einer einfachen Welt lebte.
    Ich habe gedacht, sie wäre einfältig. Aber das war nur eine weitere Täuschung. Nein, sie lebt inmitten von Unbekannten, inmitten von Dingen, die sie nicht verstehen kann. Es ist eine Welt voller Entsetzen. Sie singt, um die Furcht abzuwehren, die aus ihrer eigenen Unwissenheit entsteht. Und man gibt ihr Aufgaben, um sie zu beschäftigen.
    Bevor sie sich um mich kümmern musste, hat diese Frau dabei geholfen, die Leichen vorzubereiten. Schließlich kann man in solchen kindlichen Erwachsenen das Wirken der Geister erkennen. Und durch sie würden die Geister den Gefallenen nahe kommen und sie trösten und in die Welt der Vorfahren geleiten.
    Es konnte nichts anderes als reine Bosheit sein, schloss die Mhybe, sie von dieser Frau pflegen zu lassen. Möglicherweise war ihr noch nicht einmal klar, dass das Objekt ihrer Aufmerksamkeit noch am Leben war. Die Frau blickte niemals jemandem in die Augen. Die Fähigkeit, jemanden wiederzuerkennen, hatte sie durch den Tritt des Bhederin verloren.
    Der Kamm glitt durch ihre Haare. Das Summen ging unaufhörlich weiter.
    Ihr Geister hienieden, fast wäre es mir lieber, dem Entsetzen des Unbekannten ausgesetzt zu sein. Lieber das, als das Wissen, dass meine Tochter mich verraten hat – die Wölfe, die sie auf mich gehetzt hat, damit sie mich in meinen Träumen verfolgen. Die Wölfe, die ihr Hunger sind. Der Hunger, der schon meine Jugend verschlungen hat und nun noch mehr will. Als ob noch irgendetwas übrig wäre. Bin ich denn nichts weiter als Nahrung für das blühende Leben meiner Tochter? Ein letztes Mahl, eine Mutter, die nur noch auf ihren Nährwert reduziert ist?
    Ach, Silberfuchs, bist du jede Tochter? Bin ich jede Mutter? Es hat keine Rituale gegeben, um unsere Leben voneinander zu trennen – wir haben die Bedeutung vergessen, die den Bräuchen der Rhivi zu Grunde liegt, die wahren Gründe für diese

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