SdG 05 - Der Tag des Sehers
Rituale. Ich gebe immer nach. Und du saugst unablässig und fordernd. Und so sind wir gefangen, werden tiefer und tiefer gezogen, du und ich.
Ein Kind auszutragen heißt, in den Knochen zu altern. Sein Blut zu ermüden. Haut und Fleisch zu weiten. Die Geburt reißt eine Frau entzwei, die Trennung ist eine Sache roher Agonie. Reißt das Junge vom Alten. Und das Kind braucht, und die Mutter gibt.
Ich habe dich niemals entwöhnt, Silberfuchs. Und tatsächlich hast du meinen Schoß nie verlassen. Du, Tochter, nimmst mir sehr viel mehr als nur Milch.
Ihr Geister, bitte, gewährt mir ein Ende. Diese grausame Parodie von Mutterschaft ist zu viel, um sie noch länger zu ertragen. Trennt mich von meiner Tochter. Um ihretwillen. Meine Milch ist zu Gift geworden. Ich kann sie mit nichts anderem mehr füttern als mit Gehässigkeit, denn es ist nichts anderes mehr in mir. Und ich bleibe eine junge Frau in diesem gealterten Körper -
Der Kamm blieb an einem Knoten hängen, und ihr Kopf wurde zurückgezerrt. Die Mhybe zischte vor Schmerz, warf der Frau über ihr einen finsteren Blick zu. Ihr Herz machte plötzlich einen Satz.
Ihre Blicke begegneten sich.
Die Frau, die niemanden anschaute, sah sie an.
Ich, eine Frau im Körper einer alten Frau. Sie ein Kind im Körper einer Frau -
Zwei Gefängnisse, die einander genau widerspiegelten.
Sie blickten sich in die Augen.
»Mein liebes Schätzchen, du siehst müde aus. Setz dich doch hierher, zum hochherzigen Kruppe, und er schenkt dir von seinem dampfenden Kräutertee ein.«
»Gerne, danke.«
Kruppe lächelte und sah zu, wie Silberfuchs sich langsam auf die Erde niederließ und sich gegen den freien Sattel lehnte, das kleine Feuer zwischen ihnen. Ihre wohl gerundeten Formen waren durch die abgetragene Hirschledertunika deutlich zu erkennen. »Und wo sind deine Freunde?«, fragte sie.
»Sie spielen. Mit der Mannschaft von der Trygalle-Handelsgilde. Aus irgendwelchen eigenartigen Gründen ist Kruppe von solchen Spielen ausgeschlossen worden. Eine Ungeheuerlichkeit.« Der Daru reichte ihr einen Zinnbecher. »Es ist leider hauptsächlich Salbei. Wenn du allerdings gerade zufällig Husten hast – «
»Habe ich nicht, aber ich nehme ihn trotzdem gern.«
»Kruppe hustet natürlich niemals.«
»Und warum nicht?«
»Aber das ist doch klar – weil er Salbeitee trinkt.«
Der Blick ihrer braunen Augen glitt an ihm vorbei und blieb an dem Wagen hängen, der ein Dutzend Schritt entfernt stand. »Wie geht es ihr?«
Kruppes Brauen wanderten stirnaufwärts. »Du könntest sie selbst fragen, Schätzchen.«
»Das kann ich nicht. Ich kann für meine Mutter nichts anderes sein als eine Abscheulichkeit – ihre gestohlene Jugend, in Fleisch und Blut. Sie verachtet mich, und das aus gutem Grund, vor allem jetzt, nachdem Korlat ihr von meinen T’lan Ay erzählt hat.«
»Kruppe fragt sich, ob du jetzt an der Reise zweifelst, die du unternommen hast?«
Silberfuchs schüttelte den Kopf, nippte an ihrem Tee. »Dafür ist es zu spät. Das Problem existiert weiter – wie du sehr wohl weißt. Davon abgesehen ist unsere Reise jetzt vorbei. Nur sie muss die ihre noch antreten.«
»Du verstellst dich«, murmelte Kruppe. »Deine Reise ist alles andere als vorbei, Silberfuchs. Aber lass uns das mal einen Augenblick beiseite schieben, ja? Hast du irgendwelche Neuigkeiten über die schreckliche Schlacht?«
»Sie ist vorbei. Die pannionischen Truppen sind nicht mehr. Abgesehen von ein paar hunderttausend schlecht bewaffneten Bettlern. Die Weißgesichter haben Capustan befreit – das heißt, das, was noch davon übrig ist. Die Brückenverbrenner sind schon in der Stadt. Was viel dringlicher ist: Bruth hat einen Kriegsrat einberufen – vielleicht hast du ja Interesse, daran teilzunehmen.«
»In der Tat, das werde ich, und wenn auch nur, um die Versammlung mit Kruppes Ehrfurcht gebietendem Wissen zu segnen. Was ist mit dir – wirst du nicht auch daran teilnehmen?«
Silberfuchs lächelte. »Wie du vorhin gesagt hast, Daru, ist meine Reise noch nicht ganz vorbei.«
»Ach, ja. Kruppe wünscht dir dabei alles Gute, Schätzchen. Und er hofft von ganzem Herzen, dass er dich bald wiedersehen wird.«
Die Frau blickte noch einmal zu dem Wagen hinüber. »Das wirst du, mein Freund«, erwiderte sie, trank dann ihren Tee aus und stand mit einem leisen Seufzen auf.
Kruppe sah, dass sie zögerte. »Schätzchen? Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Ach, ich bin mir nicht sicher.« Ihre Miene wirkte besorgt.
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