SdG 05 - Der Tag des Sehers
Ben winkte. »Dann komm an Bord.«
Die Stockschlinge kletterte am Bein des Magiers hinauf, setzte ihre Füße aus zusammengebundenen Bindfäden auf seinen Gürtel und zog sich an seiner Tunika hoch. Das Gewicht war kaum zu bemerken, als Talamandas sich auf seine linke Schulter setzte. Zweigfinger schlössen sich um seinen Kragen. »Mit ein oder zwei Stürzen werde ich fertig«, meinte die Stockschlinge, »aber lass es nicht zur Gewohnheit werden.«
Der Schnelle Ben schritt vorwärts, glitt durch die Lücke in der Mauer. Das Feuerlicht schickte helle Streifen durch die Dunkelheit, malte zufällige Lichtflecken auf den Körper des Magiers. Ein völlig schwarzer Schatten, der sich durch eine vom Feuer beschienene Szenerie bewegte, wäre zu auffällig gewesen. Er konzentrierte sich darauf, mit seiner Umgebung zu verschmelzen.
Flammen, Rauch und Asche. Schwaches Stöhnen aus eingestürzten Gebäuden; ein paar Straßen entfernt die Trauergesänge der Barghast.
»Die Pannionier sind alle fort«, flüsterte Talamandas. »Warum müssen wir uns dann noch verstecken?«
»Das ist meine Natur. Diese Vorsicht hat mich bis jetzt am Leben erhalten, und jetzt sei still.«
Er betrat eine Straße, die von Anwesen im Stil der Daru gesäumt wurde. Während andere Straßen bereits von den Anstrengungen der Weißgesichter kündeten, die Leichen fortzuschaffen, war hier noch nichts unternommen worden. Überall lagen tote pannionische Soldaten in entsetzlicher Anzahl herum, türmten sich besonders um ein Anwesen, dessen geschwärztes Torhaus ein von getrocknetem Blut eingerahmter Rachen war. Zu beiden Seiten des Tores verlief eine niedrige Mauer. Dunkle, reglose Gestalten hielten auf dieser Mauer Wache; sie standen anscheinend auf einer Art Wehrgang, der sich auf halber Höhe auf der anderen Seite befinden musste.
Sechzig Schritt entfernt am Fuß eines anderen Gebäudes hockend, musterte der Schnelle Ben die Szenerie. Der bittere Geruch von Zauberei hing noch immer in der Luft. Auf seiner Schulter zischte Talamandas plötzlich leise, als er diesen Geruch erkannte.
»Die Nekromanten! Die, die mich aus meinem Hügelgrab gezerrt haben!«
»Ich dachte, du hättest jetzt nichts mehr von ihnen zu befürchten«, murmelte der Schnelle Ben.
»Habe ich auch nicht, aber das macht meinen Hass oder meinen Abscheu nicht geringer.«
»Das ist schade, denn ich will mit ihnen sprechen.«
»Warum?«
»Um mir ein Urteil über sie zu bilden, warum sonst?«
»Das ist Schwachsinn, Magier. Was auch immer sie sind, sie sind nichts Gutes.«
»Und ich? Jetzt lass mich nachdenken.«
»Du kommst nie an diesen untoten Wachen vorbei.«
»Wenn ich sage, du sollst mich nachdenken lassen, meine ich damit, dass du den Mund halten sollst.«
Vor sich hinbrabbelnd und unruhig auf Bens Schulter herumtrippelnd, gab Talamandas widerwillig nach.
»Wir werden dafür ein anderes Gewirr brauchen«, sagte der Magier schließlich. »Die Frage ist – nehmen wir das Gewirr des Vermummten oder Aral Gameion – «
»Aral was? Ich habe noch nie von – «
»Ein dämonisches Gewirr. Die meisten Zauberer, die Dämonen heraufbeschwören, öffnen einen Pfad nach Gameion – obwohl sie es wahrscheinlich nicht kennen, zumindest nicht unter seinem richtigen Namen. Zugegeben, man kann auch in anderen Gewirren auf Dämonen stoßen – auf die Aptorian des Schattens beispielsweise. Doch die Korvalahrai und die Galayn, die beliebtesten Dämonen im Imperium, stammen beide aus Gameion. Wie auch immer, wenn mein Instinkt mich nicht trügt, sind in diesem Anwesen beide Arten von Nekromantie präsent – du hast doch gesagt, sie sind zu zweit, oder?«
»Ja, und es sind auch zwei Arten von Wahnsinn.«
»Klingt interessant.«
»Was für ein wunderlicher Einfall! Hast du denn von den Seelen, die in dir wohnen, nichts gelernt, Magier? Wunderliche Einfälle sind tödlich. Mach etwas ausschließlich aus reiner Neugier, und es legt sich wie der Rachen eines Wolfs um deine Kehle. Und selbst wenn du es schaffst zu entkommen, verfolgt es dich. Für immer.«
»Du redest zu viel, Stockschlinge. Ich habe mich entschlossen. Auf geht’s.« Er faltete das Rashan-Gewirr um sich herum und trat vor.
»Bei der Asche in der Urne!«, zischte Talamandas.
»Ja, es ist das Gewirr des Vermummten. Und – beruhigt dich das vertraute Gefühl? Es ist die bessere Wahl, wo der Vermummte dich doch höchstpersönlich gesegnet hat, richtig?«
»Ich bin nicht beruhigt.«
Das war nicht allzu überraschend, da
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