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SdG 05 - Der Tag des Sehers

SdG 05 - Der Tag des Sehers

Titel: SdG 05 - Der Tag des Sehers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Steve Erikson
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Architektur der Daru war vorhersagbar und symmetrisch. Das Hauptzimmer im Erdgeschoss würde in der Mitte liegen. Höhere Stockwerke waren problematischer, aber meist war besagter Hauptraum von einer Kuppel überwölbt und drängte dadurch die Räume der oberen Stockwerke an die Seiten des Gebäudes.
    Er konnte die Räume sehen, allerdings nur ganz schwach. Alles war körnig, grau, die Möbel nichts weiter als undeutliche, verschmierte Flecken. Lebendiges Fleisch jedoch leuchtete. »Stein kennt Blut, kann es aber nicht halten. Stein sehnt sich nach Leben, kann es aber nur nachahmen.« Diese Worte waren uralt. Sie stammten von einem Steinmetz und Bildhauer, der vor Jahrhunderten in Unta gelebt hatte. Sie schienen überaus passend, wenn man sich auf dem Pfad des Steins bewegte. Wenn man sich im Fleisch der Schlafenden Göttin befand.
    Der Schnelle Ben glitt um eine Ecke und erhaschte den ersten Blick auf das Hauptzimmer.
    Eine Gestalt ruhte auf einer Art Diwan in der Nähe des offenen Kamins. Der Mann schien ein Buch zu lesen. Ein anderer Mann stocherte in den blassrosafarbenen, gedämpften Flammen herum, wobei er lautlos vor sich hin murmelte. Auf dem Kaminsims trippelte eine kleine Kreatur aufgeregt hin und her, eine Krähe oder vielleicht auch ein Rabe.
    Der Mann auf dem Diwan sprach, während er die pergamentenen Seiten seines Buchs umblätterte; seine Worte klangen durch den Stein gedämpft und spröde. »Wenn du damit fertig bist, Emancipor, schick die Wachen auf ihre Posten auf den Mauern zurück. Wenn sie so im Innenhof im Kreis herumstehen und etwas anstarren, was gar nicht da ist, hat das etwas ziemlich Lächerliches. Das ist nicht unbedingt ein Anblick, der potenzielle Eindringlinge vor Furcht erstarren lässt.«
    »Wenn Ihr nichts dagegen habt, Herr, würde ich Euch gern eine Frage stellen«, sagte Emancipor, während er vom Kamin aufstand und sich den Ruß von den Händen wischte. »Wenn wir unwillkommene Gesellschaft haben, sollten wir dann nicht etwas dagegen tun?«
    »So wenig ich es auch schätze, meine Dämonen zu verlieren, mein lieber Diener, so gehe ich doch nicht davon aus, dass alle Besucher böswillig sind. Meinen Sirinth wegzuschicken war ohne Zweifel die einzige Möglichkeit, und auch dann war es noch ein risikobeladenes Unterfangen. Die Kette ist natürlich nur die Hälfte des Banns; die Befehle im Innern des Halsbands können nicht so leicht überwunden werden. Daher sollten wir uns ein wenig in Geduld üben, bis unser Gast beschließt, seinem oder ihrem Besuch eine förmliche Note zu verleihen.«
    Talamandas Eichelkopf berührte das Ohr des Schnellen Ben. »Lass mich hier, wenn du hinaustrittst, Magier. Dass dieser Mann Verrat plant, ist nicht nur eine Möglichkeit, es ist eine verdammte Gewissheit.«
    Der Schnelle Ben zuckte die Achseln. Das Gewicht der Stockschlinge verschwand von seiner Schulter.
    Lächelnd trat der Magier aus dem Gewirr und machte sich daran, den körnigen Staub von seiner Tunika und dem Regenumhang zu klopfen.
    Der sitzende Mann klappte ohne aufzublicken langsam sein Buch zu. »Etwas Wein, Emancipor, für mich und meinen Gast.«
    Der Diener wirbelte herum und blickte den Schnellen Ben an. »Beim Atem des Vermummten! Wo ist er hergekommen?«
    »Manchmal haben die Wände Augen, Ohren und auch noch den ganzen Rest. Kümmere dich um deinen Auftrag, Emancipor.« Der Mann hob schließlich den Kopf und begegnete dem Blick des Magiers.
    Also, das ist der Blick eines Reptils. Aber da ich früher bei so etwas nie vor Angst gezittert habe, warum sollte ich es dann jetzt tun? »Wein wäre wunderbar«, erwiderte der Schnelle Ben. Ebenso wie der sitzende Mann sprach er Daru.
    »Etwas … Blumiges«, fügte der Nekromant hinzu, während der Diener auf eine Seitentür zutrottete.
    Die Krähe auf dem Kaminsims hatte aufgehört, auf und ab zu gehen, und musterte den Magier nun mit leicht schräg geneigtem Kopf. Nach einem kurzen Augenblick fing sie wieder an, hin und her zu trippeln.
    »Bitte, setzt Euch doch. Mein Name ist Bauchelain.«
    »Mich nennt man den Schnellen Ben.« Der Magier ging zu dem Plüschsessel hinüber, der gegenüber von dem Nekromanten stand, und setzte sich. Er seufzte.
    »Ein interessanter Name. Treffend gewählt, wie ich wohl annehmen darf. Dem Angriff des Sirinth auszuweichen – ich schätze, er hat in dem Augenblick, in dem Ihr ihn befreit habt, unverzüglich angegriffen?«
    »Das war wirklich schlau«, räumte der Schnelle Ben ein, »einen

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