SdG 05 - Der Tag des Sehers
rächender Dämon, der nur vor kalter Gerechtigkeit das Knie beugte. Aber dennoch Macht. Empfindsamkeit für unsichtbare Strömungen, Wissen um die feinen Linien, die alle Dinge und alle Lebewesen mit anderen Lebewesen verbanden. Ganoes Paran, der Autorität verachtete, war zum Schiedsrichter erwählt worden. Ein mit Macht ausgestatteter Besänftiger, dessen Aufgabe es war, eine Struktur – die Regeln des Spiels – bei Spielern zur Geltung zu bringen, die sich jeder Einschränkung ihrer Freiheit, die Dinge so zu tun, wie sie wollten, widersetzten.
Schlimmer als ein malazanischer Richter in Unta. Der muss sich nämlich eng an das Gesetz halten, während er gleichzeitig allen möglichen Einflüssen ausgesetzt ist, von rivalisierenden Fraktionen bis hin zu den Wünschen der Imperatrix höchstpersönlich. Das Stoßen und Ziehen, Schieben und Zerren macht selbst die simpelsten und einfachsten Entscheidungen zu Albträumen.
Kein Wunder, dass mein Körper zurückschaudert, dass er versucht zurückzuweisen, was man mir aufgezwungen hat.
Er war allein in der Ratshalle des Knechts. Die Brückenverbrenner fanden, dass die Unterkünfte der Gidrath besser zu ihnen passten, und waren im Moment zweifellos dabei, mit dem halben Hundert Gidrath, die die Innere Wachmannschaft des Knechts bildeten, zu spielen und sich sinnlos zu besaufen. Die Priester und Priesterinnen des Maskenrats hatten sich zur Nachtruhe zurückgezogen.
Und es schien, als hätte Treachs Todbringendes Schwert, der Mann namens Grantl, Freundschaftsbande mit Humbrall Taurs Tochter Hetan geknüpft, die – wie Paran vermutete – durchaus schließlich zu verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Mann und den Weißgesichtern führen konnten. Die beiden hatten sich irgendwohin ins Innere des Knechts verzogen, zweifellos auf der Suche nach einem Ort, wo sie ungestört waren. Was der Frau namens Stonny Menackis überhaupt nicht gefallen hatte.
Schild-Amboss Itkovian hatte seine Truppen zurück zu den Unterkünften in der Nähe von Fürst Jelarkans Palast geführt, um Ausbesserungsarbeiten auszuführen und dann am Morgen damit zu beginnen, die Flüchtlinge, die sich in den Tunneln unter der Stadt versteckten, wieder herauszuholen. Das Wiedererwachen Capustans würde sich wahrscheinlich als höchst schmerzhaft erweisen, und der Hauptmann neidete dem Grauen Schwert diese Aufgabe nicht.
Wir dagegen werden dann schon weitergezogen sein. Itkovian wird unter den Überlebenden jemanden finden müssen, der ein bisschen fürstliches Blut in den Adern hat – egal wie dünn es auch sein mag –, um ihn oder sie auf diesen blutbefleckten Thron zu setzen. Sämtliche inneren Strukturen der Stadt liegen in Trümmern. Wer wird die Überlebenden ernähren? Wie lange wird es dauern, bis es wieder Handel mit Städten wie Saltoan und Darujhistan gibt? Der Vermummte weiß, die Barghast schulden den Bewohnern von Capustan nicht das Geringste.
In seinem Bauch herrschte endlich Ruhe. Er holte zögernd Luft, seufzte langsam. Macht. Seine Gedanken glitten häufig in weltliche Erwägungen – eine Möglichkeit, das Ganze ein bisschen hinauszuzögern, wie er wohl wusste, und es machte Mühe, zu der einen Frage zurückzukehren, mit der er sich früher oder später würde auseinander setzen müssen. Ein wahrer Wirbelwind von Plänen, und in jedem soll ich den Dreh- und Angelpunkt spielen. Ich brauche nur die Finger einer Hand zu spreizen, um so den ganzen Stapel Drachenkarten zu umfassen. Eine Tatsache, von der ich lieber nichts wüsste. Aber ich spüre die verdammten Karten in meinem Innern, wie die kaum gegliederten Knochen eines riesigen Tieres, so gigantisch, dass es in seiner Gesamtheit nicht erkennbar ist. Ein Skelett, das in Stücke gerissen zu werden droht. Es sei denn, ich kann durchhalten, und das ist die Aufgabe, die mir nun aufgezwungen wurde. Es alles zusammenzuhalten.
Spieler im Spiel, die keine neuen Mitspieler wollen. Spieler außerhalb des Spiels, die mitmachen wollen. Spieler in vorderster Linie und Spieler dahinter, die sich in den Schatten bewegen. Spieler, die ehrlich spielen, und Spieler, die betrügen. Bei den Göttern, wo fange ich an, das alles zu entwirren?
Er dachte an Grantl, das Todbringende Schwert des erst vor kurzem aufgestiegenen Treach. In gewisser Weise war der Tiger des Sommers immer da gewesen, war stumm im Gefolge Feners dahingetrottet. Wenn die Geschichten wahr waren, hatte der Erste Held sich schon vor langer Zeit verloren, hatte sich voll und
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