SdG 05 - Der Tag des Sehers
ganz den tierischen Instinkten seiner Wechselgänger-Gestalt hingegeben. Dennoch, die Koinzidenz an sich ist überwältigend … Paran war inzwischen zu der Vermutung gekommen, dass die Älteren Götter die Dinge vielleicht nicht in dem Maße geplant hatten, wie Nachtfrost es angedeutet hatte; dass günstige Gelegenheiten und glückliche Zufälle ebenso sehr für den Ablauf der Ereignisse verantwortlich waren wie alles andere. Andernfalls hätte keiner von uns eine Chance gegen die Älteren Götter. Nicht einmal der Verkrüppelte Gott. Wenn alles geplant war, dann hätte in diesem Plan auch festgelegt werden müssen, dass Treach sich verliert – und dadurch zu einem Schläfer im Spiel wird, so dass die Bedrohung, die er für Fener darstellt, geschickt heruntergespielt wurde, bis zu dem Augenblick, wenn der Erste Held gebraucht wurde. Und auch sein Tod hätte arrangiert werden müssen, und man hätte auf die genauen Zeitabläufe achten müssen, so dass er genau im richtigen Moment aufsteigen würde.
Und jedes Ereignis, das schließlich zu Feners Ende geführt hat, zu seiner plötzlichen, brutalen Verletzlichkeit, hätte den Älteren Göttern bis zur allerletzten Kleinigkeit hin bekannt sein müssen.
Das heißt, wenn wir nicht alle Rollen spielen, die vorherbestimmt und somit unausweichlich sind – und daher auch solchen Wesen wie den Älteren Göttern bekannt sein können –, wenn das also nicht der Fall ist, dann kann alles, was jeder von uns tut oder nicht tut, tiefgehende Konsequenzen haben. Und zwar nicht nur für unser eigenes Leben, sondern für die Welt – die Welten, sämtliche Existenzsphären.
Er erinnerte sich an die Schriften von Historikern, die genau das behauptet hatten. Zum Beispiel Duiker, der alte Soldat, obwohl er inzwischen schon lange in Ungnade gefallen ist. Jeder Gelehrte, der eine imperiale Robe akzeptiert, macht sich sofort verdächtig … aus offensichtlichen Gründen; schließlich könnte er befangen, seine Integrität in Frage gestellt sein. Trotzdem – in seinen frühen Tagen war er ein glühender Verfechter des Konzepts von der Bedeutung des Individuums.
Der Fluch großer Geister. Sie sind noch jung, wenn sie eine große Idee haben, sie überleben die Belagerung, die unausweichlich erfolgen wird, und stehen schließlich auf der Brustwehr Wache, wenn der Krieg längst vorüber ist, die Waffen stumpf in bleischweren Händen … verdammt, ich fange schon wieder an abzuschweifen.
Also sollte er der Dreh- und Angelpunkt sein. Eine Position, die ein plötzliches Aufblühen seines Ego verlangte, einen unerschütterlichen Glauben an seine eigene Effektivität. Und das ist leider das Letzte, wozu ich fähig bin. Stattdessen werde ich von Unsicherheit und Zweifeln gequält, von all den Fehlern, die einem Menschen innewohnen, der chronisch ohne Ziel ist. Der jedes persönliche Ziel unterminiert wie ein Baum, der an seinen eigenen Wurzeln nagt, und wenn auch nur, um seine grimmige Überzeugung dadurch zu beweisen, dass er umstürzt.
Bei den Göttern, vielleicht sollten wir mal über falsche Entscheidungen reden …
Ein raschelndes Geräusch ließ Paran aufschrecken; es war noch jemand anderes im Ratssaal. Blinzelnd versuchte er, im Zwielicht etwas zu erkennen. Inmitten der Kanus stand eine Gestalt, groß und massig, in eine Rüstung aus matten Münzen gehüllt.
Der Hauptmann räusperte sich. »Stattet Ihr ihnen einen letzten Besuch ab?«
Der Barghast-Krieger richtete sich auf.
Sein Gesicht kam Paran vertraut vor, doch es dauerte ein paar Augenblicke, bis er den jungen Mann erkannte. »Ihr seid Cafal, nicht? Der Bruder von Hetan.«
»Und Ihr seid der malazanische Hauptmann.«
»Ganoes Paran.«
»Der-Den-Segen-Erteilt.«
Paran runzelte die Stirn. »Nein, der Titel würde besser zu Itkovian passen, dem Schild-Amboss – «
Cafal schüttelte den Kopf. »Er trägt nur Bürden. Ihr seid derjenige, Der-Den-Segen-Erteilt.«
»Wollt Ihr damit sagen, dass, wenn es irgendjemanden gibt, der in der Lage wäre, Itkovians Bürde … leichter zu machen … dass ich das wäre? Ich brauche ihn nur zu … segnen?« Eigentlich hatte ich gedacht, ich sollte nur Schiedsrichter sein. Offensichtlich ist es aber noch komplizierter. Die Macht zu segnen? Beru, schütze mich.
»Es ist nicht an mir, so etwas zu sagen«, grollte Cafal; seine Augen glitzerten im Fackellicht. »Ihr könnt niemanden segnen, der Euch das Recht abspricht, so etwas zu tun.«
»Ein guter Einwand. Kein Wunder, dass die meisten
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