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Sean King 04 - Bis zum letzten Atemzug

Titel: Sean King 04 - Bis zum letzten Atemzug Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Baldacci
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und Gabriel standen Tränen in den Augen. Beide wischten sie rasch weg und drehten sich verschämt zur Seite.
    »Mama war die beste Frau, die je gelebt hat«, sagte Daryl schließlich mit gedämpfter Stimme, und Quarry nickte zustimmend.
    Quarry berührte Tippis Wange. »Und sie ist dort oben bei dir.«
    »Amen«, sagte Gabriel. »Wird es ihr je wieder besser gehen, Mr. Sam?«
    »Nein, Sohn. Nie.«
    »Möchten Sie ein Gebet für sie sprechen?« Gabriel faltete die Hände und kniete sich hin.
    »Du kannst für sie beten, wenn du willst, Gabriel. Aber für mich ist das nichts.«
    »Mama sagt, Sie glauben nicht an Gott. Warum?«, fragte Gabriel.
    »Weil er nicht mehr an mich glaubt«, antwortete Quarry.
    Er stand auf und steckte den kleinen Kassettenrekorder zurück in die Tasche. »Wenn ihr fertig seid, bin ich draußen am Truck und rauche eine Zigarette.«
    Quarry setzte sich in seinen schrottreifen Truck, kurbelte das Fenster herunter und blies den Rauch hinaus. Auch jetzt noch, um fast neun Uhr abends, war es sengend heiß, und Quarry wischte sich einen Schweißtropfen von der Nase, während ein Moskito ihm im rechten Ohr summte.
    Das Insekt störte ihn nicht sonderlich. Er beobachtete einen Meteor, der über den Himmel schoss. Als das Naturschauspiel vorbei war, schweifte Quarrys Blick wieder zu dem Betonziegelbau, in dem seine Tochter lebte. Ehemann, Kinder, Enkel ... Tippi würde nichts von alledem haben. Sie war nur ein totes Hirn, ein geschundener Leib und ein Schlauch, der sie künstlich am Leben hielt.
    »Da hast du richtig Mist gebaut, Gott. Das hättest du nicht tun sollen. Ich kenne den ganzen Müll von wegen ›deine Wege sind unergründliche Ich habe schon zig Mal diesen Dreck gehört, dass alles irgendeinen Sinn hat, aber das ist Scheiße. Du bist nicht unfehlbar. Du hättest mein Baby in Ruhe lassen sollen. Das werde ich dir nie verzeihen, und mir ist scheißegal, ob du mir vergibst, was ich jetzt tun muss.« Quarry sprach mit träger Stimme und schwieg dann. Am liebsten hätte er geweint, allein schon, um den Druck von seinem Hirn zu nehmen, seiner Seele; doch er konnte nicht. Wie es schien, war seine Seele verbrannte Erde, auf der es keinen Tropfen Wasser mehr gab.
    Als Daryl und Gabriel aus dem Heim kamen und einstiegen, warf Quarry die Zigarette aus dem Fenster, und schweigend fuhren sie nach Atlee zurück.
    Quarry ging sofort in die Bibliothek, setzte sich an seinen Schreibtisch, stärkte sich mit einem Old Grand Dad, fachte das Kaminfeuer an, legte den Schürhaken hinein und krempelte den Ärmel hoch. Dann zog er das glühende Eisen aus dem Feuer, drückte es auf sein nacktes Fleisch und brannte ein zweites Zeichen im rechten Winkel zum ersten ein. Zehn Sekunden später fiel der Schürhaken auf den Teppich und brannte ein Loch hinein, während Quarry auf seinem Stuhl zusammenbrach.
    Schwer atmend, die Augen zur verrußten Decke gerichtet, die die Brandspuren seiner Ahnen über Jahrhunderte hinweg aufgefangen hatte, begann Quarry zu reden. Das Meiste ergab wenig Sinn, außer für Quarry; für ihn war es vollkommen klar. Er begann damit, sich zu entschuldigen. Er nannte Namen, und seine Stimme hob und senkte sich in seltsamem Rhythmus. Er griff zur Flasche und hielt sie sich an den Hals.
    Dann redete er weiter, redete und redete. Er schüttete sein ganzes Herz, seine Seele aus. Dort oben an der Decke waren Cameron und Tippi und umarmten einander. Quarry konnte sie so deutlich sehen, dass er sie am liebsten selbst in den Arm genommen hätte. Gemeinsam könnten sie dann zu einem besseren Ort aufsteigen, weit weg von dem Elend, in dem er hier unten lebte.
    Quarry fragte sich manchmal, was er eigentlich machte. Ein kleiner, ungebildeter Mann gegen die Welt. Das war ungeheuerlich, unglaublich und dumm, sicher, aber jetzt konnte er nicht mehr aufhören. Es lag nicht nur daran, dass er schon zu weit gegangen war; er wusste einfach nicht, wohin er sonst gehen sollte.
    Als Quarry die Augen schloss und wieder öffnete, waren seine Frau und Tochter verschwunden. Das Feuer war heruntergebrannt. Quarry hatte es gerade genug entfacht, um den Schürhaken zum Glühen zu bringen. Er schaute wieder auf seinen Arm und die sich kreuzenden Linien. Herkules hatte seine Aufgaben meistern müssen, Jonas hatte mit dem Wal fertig werden müssen, und Jesus hatte sein Kreuz und die ganze Last der Welt auf seinen müden Schultern getragen.
    Das hier war Sam Quarrys Kreuz. Nicht nur die zig Quadratmeilen Quarry-Land, die zu

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