Seine einzige Versuchung
Liebe für ihn wühlte sie mehr auf,als ihr lieb war. Das Kartenhaus ihrer erzwungenen Teilnahmslosigkeit drohte einzustürzen.
„Du willst gehen?“ Er hatte also die Koffer in ihrem Zimmer gesehen. Seine Stimme klang unbeteiligt, was nicht seiner Verfassung entsprach. Er zwang sich ebenso wie Elli, nicht die Haltung zu verlieren. Sie antwortete mit tonloser Stimme:
„Ich muss.“ Er gab den Türrahmen frei und ging in sein Zimmer, um sich vollständig anzuziehen. Elli fuhr fort, die Koffer zu packen. Sie zwang sich, nur darüber nachzudenken, welche Kleidungsstücke und Gegenstände vorerst am wichtigsten waren. Jeder weitere Gedanke an ihn und seine Reaktion würde ihre Fassade der Selbstbeherrschung zum Einsturz bringen. Es wäre leichter gewesen, wenn er sie zur Rede gestellt und angebrüllt hätte. Sie wusste, dass ihn die Situation nicht kalt ließ - der Ausdruck in seinen Augen hatte ihn verraten. Aber seine Verletzung machte ihn kampfunfähig. Seine Verschlossenheit gewährte ihm Schutz. Er war nicht in der Lage, eine Auseinandersetzung mit ihr zu überstehen. Elli hörte, wie er nach unten ging und setzte ihre Tätigkeit mechanisch fort. Ebenso wie ihre Entscheidung für die Ehe würde sie auch dieser Gang wieder ins Ungewisse führen, diesmal allerdings ganz allein, nur auf sich gestellt. Den Weg mit ihm gemeinsam zu beginnen, war angenehmer gewesen, obwohl er ebenfalls ins Unbestimmte geführt hatte. Doch der gemeinsame Pfad hatte sich als Irrweg entpuppt. Sie waren gescheitert. Ellis Gedanken hatten sich verselbständigt und drohten, sie zu überwältigen, als sie die beiden Koffer nacheinander die Treppe hinuntertrug. Sie war froh, dass Frau Roth heute keinen Dienst hatte und von dem ganzen Vorfall nichts mitbekam. Sie hätte womöglich versucht, Elli von ihrem Vorhaben abzubringen, was alles nur noch schlimmer gemacht hätte. Sie würde noch früh genug davon erfahren. Elli musste noch am Büro vorbei, um zur Haustür zu gelangen. Sie war unschlüssig, ob sie hineingehen sollte. Ihn noch einmal zu sehen, wäre wahrscheinlich das Ende für ihre äußerliche Gefasstheit. Er nahm ihr die Entscheidung ab, indem er plötzlich vor ihr stand. Entgegen ihrer Vermutung war er nicht im Büro, sondern in der Bibliothek gewesen, wo sie ihn bei halb geöffneter Tür nicht gesehen hatte. Beklommen brachte er die Frage vor, die ihn am meisten quälte:
„Gehst Du zu ihm ?“ Jetzt brach es aus Elli heraus:
„Nein… Nein! Nein! Nein ! Verstehst Du denn nicht? Er bedeutet mir nichts , gar nichts !“ Tränen liefen über ihre Wangen. Es ließ sich nicht mehr zurückhalten. Sie ergriff ihre Sachen. Er konnte ihr nicht helfen, auch wenn er damit schon wieder gegen die Regeln guten Benehmens verstieß. Er brachte es einfach nicht fertig, sie dabei zu unterstützen, ihn zu verlassen. Stattdessen zog er sich wieder in die Bibliothek zurück. Er würde den Anblick, wie sie das Haus verließ, nicht ertragen können.
Kapitel 23
Elli wickelte sich einen breiten Seidenschal um den Kopf und zog ihn tief ins Gesicht, um den Weg nach draußen anzutreten. Die Sonne lachte sie in blanker Ironie an. Paulsen wurde sofort auf sie aufmerksam und eilte zu ihr. Er sah ihr tränennasses Gesicht und tätschelte ihren Arm:
„So schlimm?“ Sie nickte nur. Dann fiel sein Blick auf die Koffer hinter ihr. „Ick seh‘ schon: noch schlimmer. Warum müssen‘se beede aber ooch so‘ne Dickköppe sein? Hier, jetz‘ nehmen‘se ma meen Taschentuch und ick bring‘se zu den Eltern, wenn‘s recht is‘. Nach‘n paar Tag‘n sieht‘e Welt dann schon janz anders aus!“ Elli war dankbar, dass er keine Versuche unternahm, sie zum Bleiben zu überreden. Die Aussicht auf die Vorwürfe der Mutter und die erste Begegnung mit ihrem Vater nach der Entdeckung seiner heimlichen Absprache mit Benthin war nicht unbedingt verlockend. Doch welche Wahl hatte sie schon? Länger dort bleiben würde sie jedenfalls nicht. Es konnte allenfalls eine Übergangslösung sein, bevor sie eine andere Unterkunft gefunden hatte. Paulsens Trostversuche in allen Ehren, aber in drei Tagen würde sich an der Situation nichts Grundlegendes geändert haben. So blauäugig war sie nicht, dies anzunehmen. Nachdem Paulsen ihre Koffer verstaut hatte, nickt er ihr noch einmal aufmunternd zu und fuhr los. Kurz vor der letzten Biegung zum Elternhaus bat ihn Elli, anzuhalten. Sie wollte nachsehen, ob sie sich vielleicht ungesehen ins Haus schleichen könnte, um den Eltern
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