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Selige Witwen

Selige Witwen

Titel: Selige Witwen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ingrid Noll
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die Schlösser austauschen lassen! Wir hätten gleich alles mitnehmen sollen, was ins Auto paßt. Aber jetzt habe ich keinen Nerv mehr dazu.«
    Ich stellte fest, daß sie am ganzen Leib zitterte, und enthielt mich eines Kommentars.
    Zu Hause schaute ich mir ihre Fotoalben an: das kleine Mädchen bei der Erstkommunion und der Einschulung, die erwachsene Kathrin im Hochzeitskleid. Über einen Schnappschuß mußte ich schallend lachen, denn man sah Vater und Tochter wie zwei Kellner mit einem Tablett über die Straße tänzeln, beide in dunklen Anzügen und mit dem gleichen Schnurrbart. Dann nahm ich Kathrins Ehemann, den ungeliebten Herrn Schneider, etwas eingehender unter die Lupe. Er gehörte nicht zu jenem brünetten Typ junger Latin Lover, die Cora und ich zu vernaschen pflegten. Älter als jene, etwa Mitte Vierzig, hatte er - passend zu den Anzügen - stahlgraue Augen und sah körperlich durchtrainiert und alles in allem recht gut aus. Ich war fasziniert von seiner sehr intensiven Ausstrahlung, die ich aber nicht zu deuten wußte. »He, Kathrin«, rief ich, »dein Mann gibt mir Rätsel auf! Was hast du eigentlich an ihm auszusetzen?«
    Sie stellte sich hinter mich und sah sich seufzend die Fotos an. »Erik hat mir wahnsinnig imponiert, als ich ihn kennenlernte«, sagte sie, »und ich war bestimmt nicht die erste, die auf ihn hereingefallen ist.«
    »Aber?«
    »Auch wenn es wie ein Witz klingt, ich glaubte, daß Erik als Verteidiger von Armen und Entrechteten ein guter Mensch sein mußte. Seine kriminellen Klienten sind jedoch alles andere als arm, er verdient ausgezeichnet an ihnen.«
    War Kathrin eine Moralapostelin? Während ich noch im Zweifel war, ob ich für ihren Mann Partei ergreifen sollte, erzählte sie bereits weiter. »Nach den ersten mageren Jahren als Anwalt hat er sich vorwiegend auf Prostitutionsprozesse spezialisiert, und nun verkehrt er ständig in Bordellen, zu denen er freien Eintritt genießt.«
    Sie fing an zu heulen. Nachdem ich ihr Taschentücher und eine Dose Cola gebracht hatte, beruhigte sie sich ein wenig und begann, sich durch Staubsaugen abzulenken. Um mich ebenfalls nützlich zu machen, wickelte ich die Bilder aus und überlegte, wo man sie aufhängen könnte. Es blieb mir ein Rätsel, warum Kathrin ausgerechnet diese billigen Schinken mitgenommen hatte. Stammten sie aus ihrem Elternhaus?
    Mit Cora hatte ich schon so häufig Museen und Ausstellungen besucht, daß ich inzwischen einen sicheren Blick für Qualität besaß. Vor mir lagen vier schlechte Kopien biedermeierlicher Rosenstilleben in minderwertigen Rahmen, alle gleich groß -etwa einen halben Meter im Quadrat. Da sich ein Bilderhaken fast abgelöst hatte, drehte ich das Stilleben um und betrachtete die Rückseite, bei der sich die zierlich genagelte Pappe ein wenig aufwölbte und ein winziges Stück gemusterte Tapete freigab. Von Jagdfieber überwältigt, nahm ich ein Küchenmesser zu Hilfe, um sicher zu sein, daß sich hinter der Pappschicht nicht ein Geheimnis verbarg.
    Als ich das Blumenstück aus dem Rahmen geklaubt hatte, kam ein zweites Gemälde zutage. Ich erstarrte vor Ehrfurcht: Es handelte sich um eine feine, kleine, impressionistisch gemalte Haremsszene. Das Bild konnte durchaus von Matisse stammen.
    Plötzlich baute sich Kathrin vor mir auf. »Was machst du da?« fragte sie ungehalten. »Du wirst doch nicht meine Rosenbilder beschädigen?«
    Aber sie merkte sofort, daß ich Lunte gerochen hatte, und gab zögernd Auskunft: Ihr Mann habe für die erfolgreiche und engagierte Verteidigung eines Hehlers vier wertvolle Bilder als Bezahlung erhalten. Kathrin wußte, daß es sich um Diebesgut handelte. »Als Erik sie mitbrachte, hat er bloß gesagt: >Damit finanzieren wir unsere alten Tage.< Zur Sicherheit haben wir die Originale hinter den Stilleben versteckt, denn er meinte, die getarnten Bilder seien an der Wand besser geschützt als in jedem Safe. Für die Ölschinken wird sich nämlich keine Menschenseele interessieren, die stammen aus dem Kaufhaus.«
    Mit Respekt und Bewunderung betrachteten wir gemeinsam das Gemälde. Sowohl die bezaubernden Ornamente, von denen die dargestellte Odaliske eingerahmt war, als auch die Pflanzen und Früchte leuchteten in unvergleichlich frischen Farben und strahlten heitere orientalische Sinnlichkeit aus.
    »Und die anderen?« fragte ich neugierig.
    »Du hast mit sicherem Griff das schönste erwischt«, sagte Kathrin, »aber du wirst auch an den übrigen deine Freude haben.«
    Sie

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