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Selige Witwen

Selige Witwen

Titel: Selige Witwen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ingrid Noll
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Ausländer, die Deutsch lernen oder es verbessern wollten.
    Ein junger Türke, der bereits ganz passabel Hessisch sprach und nicht genau wußte, ob er - um die Grammatik zu beherrschen - bei Null beginnen sollte, wartete bereits vor ihrem Büro. Eine fröhliche Afrikanerin mit Rastalocken bis zum Po sprach zwar fließend Französisch, brachte aber auf deutsch nur unter lautem Gelächter »Genau!« und »Prost!« hervor. Auch eine ältere Ungarin mit einem dreieckigen Fuchsgesicht, die in gepflegtem, aber wie uns schien sehr altmodischem Deutsch parlierte, wollte ihre Kenntnisse auffrischen. Da es nicht allzu viele Anwärter gab, konnte sich Kathrin Zeit für die Einstufungstests nehmen und freundlich auf die unterschiedlichen Fragen eingehen.
    Danach trug sich jeder mit Namen und Adresse ein, und Kathrin entschied über ihre Einstufung in die verschiedenen Kurse der Grund-, Mittel- oder Oberstufe, die im September begannen.
    Mir kam der Verdacht, daß sie mich nur mitgenommen hatte, um ihre Souveränität und Kompetenz vorzuführen.
    Nach der fünften Beratung begann ich mich etwas zu langweilen.
    Eine aufdringliche Fliege setzte sich immer wieder auf mein rechtes Bein. Es roch nach jahrzehntelangem Kampf von Desinfektionsmitteln gegen Schülermief. Wegen der Hitze stand die Tür zum Flur offen, und ich betrachtete ausgiebig die braun lackierten Garderobenhaken und den Fußboden, der kein toskanisches Marmormuster aufwies, sondern mindestens einen plattgetretenen und schwarz gewordenen Kaugummi pro grauem Quadratmeter Teppichboden.
    Dann trat ich ans offene Fenster und schaute auf den Pausenhof, einen verrosteten Fahrradständer und einen monströsen Müllcontainer hinunter. Kathrin hatte mir erzählt, daß dieser Betonklotz aus den siebziger Jahren noch bis vor kurzem eine Realschule beherbergt habe, die man wegen sinkender Schülerzahlen schließen mußte. Am Gittertor lehnte ein Mann, dessen lauernder Blick mich unverhofft traf. Kathrin sagte ich lieber erst einmal nichts davon.
    Sie sollte in Ruhe ihre Schüler betreuen.
    Zu guter Letzt erschien ein etwa fünfzigjähriger korpulenter Brocken, der eine Thailänderin fest am Handgelenk gepackt hielt. Die junge Frau war wie ein artiges Schulmädchen gekleidet und wirkte auch eher wie ein Kind: noch viel kleiner als die zierliche Kathrin und von filigranem Knochenbau.
    Sie starrte unentwegt zu Boden, aber als sie ein einziges Mal den Blick hob, sah ich in die traurigen Augen einer früh Gealterten. Seine Frau spreche nur etwas Englisch, sagte der Mann. »Gelle, mei Schnuckelche?«
    Sie nickte.
    Kathrin fragte vorsichtig, wie es mit Lesen und Schreiben stehe, denn für Analphabeten gab es einen gesonderten Kurs.
    »Moomendemal«, protestierte der Ehemann. Dabei strich er seiner Frau wie einem Hündchen über den Kopf, den sie fast unmerklich wegzog.
    Kathrin verhandelte korrekt, aber eiskalt mit dem Besitzer des gefangenen Vögelchens. Immer wieder wandte sie sich auf englisch an ihre künftige Schülerin, die aber offensichtlich so verschüchtert war, daß sie noch nicht einmal lächeln, geschweige denn antworten konnte. Am Ende zog der Fettsack großspurig seine Brieftasche heraus und wollte die Kursgebühr von 200 DM auf der Stelle im voraus bezahlen.
    Dabei musterte er Kathrin auf unangenehme Weise; sie schüttelte den Kopf und schickte ihn zur Kasse.
    Als die beiden endlich abzogen, seufzte sie tief auf. »Von meinen Kolleginnen weiß ich, daß solche Typen gar nicht so selten hier auftauchen. Kaufen sich ein halbes Kind aus einer armen Familie und kommen sich am Ende noch als Wohltäter vor. Ich möchte nicht wissen, was da sexuell so abläuft.«
    »Draußen steht noch ein weiteres anrüchiges Subjekt«, sagte ich. »Sieh doch mal aus dem Fenster!«
    Kathrin stand auf, spähte sekundenlang hinaus, wurde blaß und ließ sich schwer atmend auf einem wackligen Drehstuhl nieder. Sie meinte den Mann zu kennen, dieser Zuhälter aus Groß Gerau sei früher mal als Klient zu Erik gekommen.
»Na und?« fragte ich dümmlich.
Als Cora und ich die Volkshochschule verließen, st
In Eriks Sekretär hatte sie einige tausend Mark ge

»Na und?« fragte ich dümmlich.
    So einer stehe doch nicht grundlos auf dem leeren Schulhof herum, sagte sie, das habe Unheil zu bedeuten. »Er wartet auf mich! Ob er mich gesehen hat? Was machen wir bloß?« Sie zitterte vor Angst. Irgendwas mußte ich mir einfallen lassen.
    Da der vermeintliche Zuhälter den einzig in Frage kommenden Ausgang

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