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Selige Witwen

Selige Witwen

Titel: Selige Witwen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ingrid Noll
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gut im Blick hatte, mußten wir versuchen, unerkannt an ihm vorbeizukommen. Vielleicht inmitten einer Gruppe?
    Kathrin schüttelte resigniert den Kopf. Einstweilen versteckte sie sich auf meinen Rat im Frauenklo, während ich einen Erkundungsgang durch die Schule unternahm. Im ersten Stock hörte ich aus einem Klassenzimmer tierische Laute und übermütiges Kindergeschrei dringen. An der Tür war ein großes Zirkusplakat befestigt, worauf mit Leuchtstiften geschrieben stand:
    MANEGE FREI!
    WILDE TIERE, ARTISTEN, CLOWNS UND TÄNZERINNEN SIND HERZLICH WILLKOMMEN!
    Neugierig öffnete ich die Tür und spähte durch den Spalt.
    Auf einem kleinen Trampolin und ausrangierten Matratzen hopsten Kinder in Belas Alter: weiß geschminkte Clowns, streifig bemalte Tiger, haarige Bären und Ballettratten. Ein junger Sozialpädagoge spielte die Rolle des Dompteurs und ließ alle Tiere durch einen Reifen krabbeln.
    »Wir sind gleich fertig!« rief er mir zu. »Sie können Ihr Kind in fünf Minuten abholen!«
    Ich verzog mich und wartete im Nachbarzimmer, bis etliche Mütter aufkreuzten und die wilden Tiere wegzerrten.
    Als sich der Raum geleert hatte, machte ich eine Razzia. In einer bemalten Truhe fand ich Faschingsschminke, Luftballons, rote Plastiknasen, billige Kunsthaarperücken und diverse Utensilien für einen erfolgreichen Kinderzirkus. Ich raffte die wichtigsten Requisiten zusammen, begab mich zu Kathrin und stülpte ihr als erstes eine rosa Katzennase über.
    Sie runzelte die dichten Brauen, weil sie derartigen Unsinn kindisch fand und sich zu alt fühlte, um Tom und Jerry oder Aristocats zu spielen. Aber als sie schließlich mit spitzen Filzohren, antennenlangen Schnurrbarthaaren und einem viel zu kleinen grünen Poncho wie der gestiefelte Kater aussah, fragte sie tapfer: »Und du?«
    »Ich bin deine Mutter!« sagte ich, nahm sie an die Hand und verließ nur zehn Minuten später als die anderen Kinder mit meinem etwas zu groß geratenen Töchterchen die Schule. Wir passierten den wartenden Zuhälter, ohne daß er uns mehr als einen gelangweilten Blick zuwarf.
    Vorerst waren wir gerettet, und ich war ganz euphorisch.
    »Vor lauter Schreck habe ich vergessen, meinen Chef anzupumpen «, sagte Kathrin. »Hast du wenigstens noch etwas Geld dabei?«
    Ich hatte meine leere Handtasche gar nicht erst mitgenommen.
    »War nicht sehr pfiffig von dir, die 200 DM von dem Kotzbrocken auszuschlagen.«
    Kathrins Nervosität, die sich vorübergehend gelegt hatte, eskalierte nun zu fast paranoiden Vorstellungen. Ihr Auto dürfe nicht länger in unserer Straße rumstehen, behauptete sie, ein Parkplatz in einer völlig anderen Stadt sei ungefährlicher.
    Erik pflege jeden Morgen zu joggen und werde sich bestimmt eine Straße nach der anderen vorknöpfen.
    »Mensch, jetzt spinnst du aber«, sagte ich. »Der Mann kann doch nicht ganz Frankfurt nach deinem Wagen absuchen!«
    Am klügsten sei es sowieso, das Auto sofort zu verkaufen, meinte Kathrin, denn Erik habe überall seine Helfershelfer, die besser als jeder Polizist nach einem abgestellten Wagen fahnden könnten. Außerdem hätten wir dann fürs erste wieder ein gefülltes Portemonnaie!
    Steigerte sie sich da nicht in etwas hinein? Ich verordnete Kathrin eine Ruhepause auf der Parkbank und bot an, ihr eine Cola zu organisieren, während sie sich wieder zum Menschen zurückverwandelte. Überall lagerten junge Mütter auf dem Rasen, ließen Kleinkinder herumkrauchen und packten Zwieback, Bananen und Teefläschchen aus den Netzen ihrer Kinderwagen. Wenn sie gerade wieder mal ihrem Hosenmatz nachsetzen mußten, wäre es ein leichtes gewesen, sich eine Tasche zu schnappen. Aber man bestiehlt nicht seinesgleichen; das Fahrrad mit Kindersitz war eine Ausnahme gewesen.
    Anders verhielt es sich mit den Frisbee- und Bumerangwerfern oder den zahlreichen Badmintonspielern, mit denen mich keine Affinität verband. Leider machte ich keine besonders fette Beute, denn die Jungs auf der Wiese hatten selbst nicht viel Geld. Reichere Eltern hätten ihnen den Tennisklub finanziert. Nur fünf Minuten später stand ich mit zwei roten Dosen vor Kathrin, die sich wunderte. Da ich die fremde Brieftasche bereits am Kiosk im dortigen Abfalleimer entsorgt hatte, griff ich lässig in die Tasche meiner Shorts und hielt der verblüfften Freundin einen Zwanzigmarkschein hin. »Fürs Abendessen!« sagte ich. »Und damit du deine Ruhe hast, werde ich morgen das Auto nach Darmstadt fahren und bei Andy abstellen; für

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