Selige Witwen
Benzingeld ist ebenfalls gesorgt.«
Seltsamerweise hatte mich Kathrin schneller durchschaut als ich mich selbst. »Du möchtest Felix über seine italienischen Nächte aushorchen!« sagte sie mir auf den Kopf zu. »Bis nach Darmstadt muß man den Wagen nicht gerade bringen.«
Weil sie es unbedingt so haben wollte, erklärte ich mich damit einverstanden, am nächsten Tag den Wagen in Griesheim abzustellen und anschließend am Italienischkurs für Touristen teilzunehmen; Kathrin schien sich zu gruseln, die Volkshochschule ohne meine Begleitung zu betreten. Auf dem Heimweg kauften wir Weißbrot, Käse und Oliven und nahmen uns vor, einen entspannten Abend vor dem Fernseher zu verbringen.
Als das Telefon klingelte, schraken wir zusammen, aber da niemand unsere Nummer kannte, mußten es wohl Freunde der Ethnologin sein. Als ich abnahm, ohne mich namentlich zu melden, mußte ich mir einen Schwall obszöner Beschimpfungen anhören. Wortlos reichte ich den Hörer an Kathrin weiter, die nach wenigen Sekunden auflegte.
Sie war starr vor Schreck.
Bevor wir am nächsten Tag das Schultor passierten, schickte mich Kathrin als Späherin voraus. Aber weder der Zuhälter noch sonst ein verdächtiger Unhold trieb sich herum, so daß wir geradewegs das Büro des Direktors ansteuern konnten.
»Schon wenn er mich von weitem sieht, brüllt er buona sera., Caterina, denn er hat vor Jahren selbst einen Kurs besucht «, warnte sie mich noch vor.
Wenige Minuten später sagte sie: »Hallo, Bernd« und wurde erwartungsgemäß auf italienisch begrüßt. Der Direktor gab mir die Hand und murmelte »Koppenfeld«.
Kathrin stellte mich als Kollegin vor.
Das Interesse des Direktors war sofort geweckt. »Wo haben Sie bisher unterrichtet?« fragte er und musterte mich wohlwollend.
In Florenz, sagte Kathrin, als ich gerade den Mund aufmachen wollte. Ich sei Kunsthistorikerin mit vorzüglichen Sprachkenntnissen. »Meine Freundin Maja wird in den Ferien ein paar Wochen bei mir verbringen und könnte mich ausgezeichnet vertreten, wenn es einmal sein mußte.«
Das sei überhaupt kein Problem, versicherte Bernd Koppenfeld und wandte sich mir zu. Großartig, daß ich in so jungen Jahren bereits ein abgeschlossenes Studium nachweisen könne - das sei heutzutage selten. Und wie beneidenswert, in Florenz zu leben, einer Perle, die unter allen herrlichen Städten Europas ihresgleichen suche. Es gelang mir zum Glück, ein paar gebildete Sätze anzubringen, die ich für meine
Touristenführungen auswendig gelernt hatte.
»Übrigens, Bernd«, sagte Kathrin vorsichtig, »du weißt ja, daß ich mich von meinem Mann getrennt habe. Wenn er hier anrufen sollte, dann gib ihm keine Auskünfte! Er neigt zu Jähzorn. Und falls er einen Strohmann vorschiebt...«
»Monika«, rief Herr Koppenfeld ins Nachbarzimmer, und eine grauhaarige Frau steckte ihren Kopf durch die halboffene Tür, »Monika, wenn sich jemand nach Kathrin Schneider
erkundigt, dann... «
»Tut mir leid, ist bereits geschehen«, sagte die Sekretärin.
»Gestern vormittag fragte ein Herr - den Namen habe ich nicht verstanden - nach Frau Schneiders Stundenplan, er sei ein
alter Bekannter und wolle sie nach dem Unterricht abholen.
Klang alles ganz seriös. Die Adresse in Darmstadt hat er sich notiert. Habe ich etwas falsch gemacht?«
Schließlich betraten wir ein Klassenzimmer. Die Schüler für den Italienischkurs waren hauptsächlich Frauen zwischen
vierzig und fünfzig, aber es gab auch zwei Gymnasiasten und ein Rentnerpaar. Bisher hatten sie erst die wichtigsten Ausspracheregeln und einige Floskeln wie come sta? gelernt.
Seit Kathrin mir ein Studium angedichtet hatte, traute ich mir mit einemmal zu, im Bedarfsfall selbst ein bißchen Unterricht zu erteilen. Ich hörte amüsiert zu, wie die reiselustigen und lernbegierigen Hausfrauen abwechselnd aus dem Lehrbuch vorlasen. Im stolzen Gefühl meiner Überlegenheit lehnte ich an der Heizung und erwog, für eine kurze Zigarettenpause das
Klassenzimmer zu verlassen. In diesem Augenblick drehte ich mich zum Fenster um und entdeckte unseren Feind am Schultor.
Ich durfte Kathrin, die nur fahrig auf die Fragen der Gruppe reagierte, nicht noch mehr beunruhigen und mir meinen Schrecken keinesfalls anmerken lassen. Aber wie sollten wir diesmal entkommen? Wir konnten doch nicht täglich als Mutter mit Katzenkind die Schule verlassen.
Kaum hatten sich die Kursteilnehmer unter vielstimmigem arrivederci verabschiedet, als ich mit dem Daumen zum
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