Selige Witwen
weiterhin getarnt hinter dem Rosenstilleben - in ihren Koffer und zählten das restliche Geld. Es reichte gerade für eine Tankfüllung, aber schwerlich für eine zweite. Ein wenig hoffte ich immer noch, Kathrin begleiten und auf der Rückfahrt meinen Sohn abholen zu können.
»Nein, du mußt hierbleiben«, sagte Kathrin sehr bestimmt, »und mich so lange in der Volkshochschule vertreten, bis ich wieder mit einem Sack voller Knete vor dir stehe.«
Ich war mir nicht so sicher, ob sie sich nicht am Ende für immer absetzen wollte, aber immerhin ließ sie mir die drei anderen Gemälde als Faustpfand zurück.
»Ich fahre morgen mit der S-Bahn nach Griesheim, hole dein Auto und begleite dich bis Darmstadt«, schlug ich vor.
»Dort leihen wir uns Geld von Felix. Dann reist du in Gottes Namen ohne mich weiter.«
Kathrin war einverstanden; der Koffer war gepackt, ihr Paß noch gültig, vom Zoll war heutzutage nichts mehr zu befürchten. Schade war nur, daß Bela nun länger als geplant bei seinem Vater ausharren mußte.
»Zieh mal mein Dirndlkleid an«, sagte ich am nächsten Morgen zu Allerleirauh. »Wenn es dir paßt, kannst du es behalten! Damit du dich in Innsbruck wie eine lustige Tirolerin fühlst... «
Sie überhörte meine Ironie; in ihrer neuen Verkleidung fühlte sie sich offenbar wie durch eine Tarnkappe geschützt.
Darmstadt war schnell erreicht; Kathrin besaß noch den Hausschlüssel für ihre ehemalige WG. Anscheinend war der Hund im Augenblick allein zu Hause und langweilte sich, denn er begrüßte uns mit stürmischer Begeisterung. Wir öffneten Tür um Tür, bis wir auf den schlafenden Andy stießen; wieder einmal hatte ich nicht bedacht, daß er sich nach einer Nachtschicht tagsüber zu erholen pflegte. Leider weckte ihn der Köter, indem er aufgeregt unsere Ankunft meldete. Andy blinzelte schlaftrunken, schloß erneut die Augen und knurrte bitterböse: »Haut bloß wieder ab!«
Wo Felix sei, wollte ich wissen. »Das ist mir so was von egal!« maulte Andy und wälzte sich zur Wand. Ratlos blieben wir vor seinem Bett stehen. Plötzlich rollte er sich wieder herum, setzte sich ruckartig auf und blubberte wie ein überkochender Milchtopf seine Enttäuschung heraus. »Was hab' ich dir eigentlich getan, daß du mich wie den letzten Dreck behandelst! Machst die Flatter ohne ein Wort des Abschieds, ohne einen Anruf, ohne einen Brief! Über Coras miese Allüren warst du tief gekränkt, aber selber benimmst du dich genauso schäbig. Zum Trösten war ich gerade gut genug, um dich zum Bahnhof zu fahren, um dir Geld zu leihen! Aber dann hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan. Geh mir aus den Augen!« Er schlug sich heftig mit der Hand an die Stirn.
Mir stieg die Schamröte ins Gesicht.
Kathrin versuchte, uns durch mildernde Umstände zu rechtfertigen. »Mein Mann ist hinter mir her, wir mußten weg, bevor er uns findet... «
»Was heißt wir?« fauchte Andy. »Du vielleicht, aber Maja doch nicht! Allerdings habe ich auch mit dir ein Hühnc hen zu rupfen! Warte nur, bis Max wieder hier ist, der wird dich lynchen! Deinetwegen muß ich den Trottel abgeben und Taxi fahren bis zum Abwinken - bloß damit die Miete wieder reinkommt. Meinst du etwa, wir hätten es so dicke, daß wir dich mitfinanzieren könnten?«
Nachdem der sonst handzahme Andy den wilden Mann gespielt hatte, rang er ein wenig nach Luft, so daß ich endlich auch zu Wort kam. »Hast du dich jetzt ausgegiftet?
Zum Abschiednehmen war keine Sekunde Zeit«, behauptete ich, »wir mußten Hals über Kopf die Flucht ergreifen!«
Er lachte höhnisch. »Hals über Kopf, daß ich nicht lache! Noch nicht einmal den Nippes oder die gräßlichen Orchideen habt ihr vergessen. Da könnt ihr sagen, was ihr wollt, das war von langer Hand geplant. Ich lass' mich doch nicht für doof verkaufen! Und warum steht ihr jetzt vor mir, wenn ihr euch angeblich hier nicht blicken lassen dürft?
Wahrscheinlich, weil euch wieder das Geld ausgegangen ist.«
Kathrin wurde die Angelegenheit allmählich peinlich, denn sie war keineswegs in der Lage, ihm zur Besänftigung die Monatsmiete auf die Matratze zu blättern. Sie müsse gehen, sagte sie, schließlich habe sie noch eine weite Reise vor sich. Anscheinend gab sie den Plan auf, in diesem Haus um ein Darlehen zu bitten.
»Scheußlich siehst du in Majas Dirndl aus!« brüllte Andy hinter ihr her, dann war ich allein mit meinem aufgebrachten Exlover. Mir stand allerdings nicht der Sinn danach, aus reiner Versöhnungstaktik
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