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Shadow Touch

Titel: Shadow Touch Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Marjorie M. Liu
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geschieht das durch die Pubertät. Dasselbe gilt auch für bestimmte Geisteskrankheiten, die so lange eine bloße genetische Prädisposition bleiben, bis sich gewisse Faktoren kombinieren und die perfekten Umstände für ihren Ausbruch erzeugen. Bemerkenswert, dass Sie nicht so beeinträchtigt waren.«
    Ja, toll. »Sie müssen aber viele Menschen studiert haben, wenn Sie das herausgefunden haben.«
    »Nicht annähernd genug. Deshalb sind Sie ja auch so wichtig. Telekinese und Telepathie sind so gewöhnlich, wissen Sie. Ziemlich passe.«
    »Selbstverständlich«, erwiderte Elena. »Das kann ja wirklich jeder.«
    »Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, wie viele es können«, erwiderte der Arzt streng und ließ das Klemmbrett sinken. »Ich habe in der ganzen Welt Versuche durchgeführt und dabei ganz verschiedene Versuchsobjekte verwenden können. Die verbreitetste Art von Psi-Begabung ist eine gewisse Form der Telepathie. Eine Art sechster Sinn. Zum Beispiel das Wissen, wann ein Freund oder ein Verwandter in Schwierigkeiten steckt, prophetische Träume, Dejä-vus. Alles ziemlich verbreitet.« Der Arzt trat dichter an Elena heran und musterte sie scharf. »Sie dagegen entziehen sich jeder Logik. Zunächst nahm ich an, dass Sie eine Kombination aus Telepathie und Telekinese anwenden, aber ich fürchte, das wäre eine zu große Vereinfachung.«
    »Ich wusste schon immer, dass ich etwas ganz Besonderes bin.« Elena klimperte mit den Wimpern. Der Arzt runzelte die Stirn. Rictor ebenfalls.
    »Ihr Humor wird allmählich lästig. Ich glaube nicht, dass Sie überhaupt begreifen, in einer wie gefährlichen Situation Sie sich eigentlich befinden.«
    Elena war zu erschöpft, um sich über Taktgefühl den Kopf zu zerbrechen. »Ich verstehe, dass Sie mich entführt und eingesperrt haben. Ich begreife auch, dass Sie Experimente an Menschen wie mir und anderen durchführen. Mir ist klar, dass Sie zutiefst gestörte Individuen beschäftigen, die es nur so in den Fingern juckt, einen Mord zu begehen. Gefährlich, Doktor? Ich treibe in einem Boot auf einem Scheißfluss ohne Paddel.«
    Diesmal schien der Arzt nicht beleidigt zu sein. Er lehn-te sich an den Untersuchungstisch und strich mit der Hand über John Burkles’ Knöchel. »Warum sind Sie keine Ärztin? Warum haben Sie Ihre Gabe nie ausgebildet und sich zu mehr entwickelt als zu einer einfachen ... Glaubensheilerin?«
    Seine Stimme klang sanft, fast freundlich. Elena traute ihm nicht, auch wenn seine Frage sie überraschte. Es war ein alter Traum von ihr, Ärztin zu werden, aber einer, den sie sich niemals erfüllen konnte. Was allein ihre Schuld war. Mit achtzehn Jahren hatte sie die Vorstellung einfach nicht ertragen, auf die Universität zu gehen. Sie hatte zu viel Angst gehabt, war sich auch zu unsicher gewesen, ob sie ihre Fähigkeiten verbergen konnte. Sie hatte eine Ausflucht nach der anderen bemüht, es immer weiter hinausgezögert. Dabei hatte sie es ihrem Großvater immer versprochen.
    Dann war er gestorben. Die Schule war ihr plötzlich nicht mehr wichtig vorgekommen. Sie war doch klug. Sie konnte sich selbst bilden. Wer brauchte schon ein Blatt Papier? Ein fehlendes Diplom konnte sie jedenfalls nicht davon abhalten zu heilen.
    Das Schweigen dauerte zu lange. »Das Konsortium könnte Ihnen diese Ausbildung vermitteln, meine Liebe«, erklärte der Arzt. »Die besten Schulen und Lehrer. Alles, was Sie wollen, zu Ihrer freien Verfügung. Sie könnten so vielen Menschen helfen.«
    Das war die Verlockung, der erste Haken. Es war ein perfekter Köder, was der Arzt genau wusste.
    »Ich habe Menschen geholfen«, erwiderte Elena, die sich darüber ärgerte, ein bisschen verlockt zu sein. »Bis Ihr Konsortium mich entführt hat.«
    Der Arzt machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie waren nur ein Kind, das Kinder heilte. Zwar ernst, aber vollkommen fehlgeleitet. Dafür sollten Sie sich nicht schämen. Sie haben jedoch die Verantwortung, besser zu werden und diese große Gabe nicht zu vergeuden, die man Ihnen da geschenkt hat. Wirklich, meine Liebe, für was halten Sie sich?«
    Diese Heuchelei war einfach zu viel. Elena lachte laut auf. »Sie sind wirklich so ein ...«
    Rictor schloss kurz die Augen, doch der Arzt merkte es nicht. Er starrte Elena fasziniert an. Sie ließ sich nicht einschüchtern, sondern erwiderte trotzig den Blick des Mannes. Was schwierig war, vor allem, als ein mitleidiger Ausdruck über sein Gesicht zuckte. Es war nur kurz - und eigentlich unmöglich.

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