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Shardik

Titel: Shardik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Adams
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unseren Leuten, so gut er konnte – er war damals schon sehr schwach. Er riet ihnen, keine Mühe zu scheuen, um Nachricht über Santils Absichten zu erhalten, und, wenn nur die geringste Hoffnung bestünde, in Zeray um jeden Preis Ordnung zu halten, bis er käme. ›Sonst dauert es kein Jahr mehr, bis ihr alle tot seid‹, sagte er, ›und hier wird es dann noch schlimmer sein als jemals, bevor wir begannen.‹ Danach blieben nur Ankray und ich bei ihm, bis er starb. Er hatte einen sehr schweren Tod. Das hast du doch wohl erwartet, nicht wahr? Das letzte, was er sagte, war: ›Der Bär – sag ihnen, der Bär –‹ Ich beugte mich über ihn und fragte: ›Was über den Bären, Herr?‹, aber er sagte nichts mehr. Ich beobachtete, wie sein Gesicht – dieses furchtbare Gesicht – zerfloß wie eine verbrauchte Kerze. Als er tot war, taten wir, was wir zu tun hatten. Ich bedeckte seine Augen mit einem feuchten Tuch, und ich erinnere mich, wie das Tuch sich verschob, als wir seine Arme ausstreckten, so daß die toten Augen sich öffneten und mich anstarrten.
    Du hast sein Grab gesehen. Es gab schwere Herzen und auch geängstigte Menschen hier, als er begraben wurde. Das ist über einen Monat her, und seitdem ist uns Zeray täglich etwas mehr entglitten. Noch haben wir es nicht verloren, aber ich will dir beschreiben, wie es ist. Ich erinnere mich, daß ich einmal als kleines Mädchen einem Müller zusah, der beim Kornmahlen einen Ochsen im Kreis umhertrieb. Zwei Männer, die meinten, er habe sie betrogen, begannen, mit ihm zu streiten, schleppten ihn schließlich fort und schlugen ihn. Der Ochse ging weiter mahlend im Kreis, zuerst im gleichen Tempo, dann langsamer, bis er endlich – und zwar ängstlich, das erkannte mein klares Kinderauge – den Versuch wagte zu sehen, was geschehen würde, wenn er stehenblieb. Es geschah nichts, und er legte sich nieder. Die meisten Einwohner von Zeray fragten sich, ob sie es wagen sollten, uns zu trotzen. Einige werden es schon bald versuchen. Ich kenne unsere Leute – die Leute des Barons. Ohne ihn werden sie nicht zusammenhalten. Es ist nur eine Frage der Zeit.
    Jeden Abend ging ich zu seinem Grab und betete um Hilfe und Erlösung. Manchmal begleitet mich Ankray oder ein anderer, aber oft gehe ich allein. In Zeray gibt es keinen Anstand, und über Angst bin ich hinaus. Solange mich keiner beleidigt, halte ich das für ein Zeichen, daß wir die Stadt noch in der Gewalt haben; und es schadet nicht, wenn ich mich verhalte, als glaubte ich es. Manchmal betete ich, Santils Armee möge kommen, öfter jedoch forme ich keine Worte, sondern biete Gott einfach mein Hoffen und Sehnen dar und meine Gegenwart am Grab des Mannes, der mich schätzte und respektierte.
    Auf Quiso lehrte uns die Tuginda, daß echtes und wahres Gottvertrauen das ganze Leben einer Priesterin ist. ›Gott kann sich leisten zu warten‹, pflegte sie zu sagen. ›Ob es gilt, die Ungläubigen zu bekehren, die Gerechten zu belohnen oder die Bösen zu bestrafen – Gott kann sich leisten zu warten. Bei Ihm kommt am Ende alles an seinen Platz. Es ist unsere Aufgabe, nicht nur das zu glauben, sondern diesen Glauben durch alles, was wir sagen und tun, zu zeigen.‹«
    Melathys weinte im Weitersprechen still und anhaltend. »Ich hatte aus meinem Denken verbannt, wie und weshalb ich nach Zeray gekommen war. Meine Feigheit, meinen Verrat, meinen Frevel – vielleicht glaubte ich, meine Leiden hätten sie getilgt, hätten einen Graben ausgehoben zwischen mir und jener Priesterin, die ihre Gelübde brach, unseren Herrn Shardik verriet und die Tuginda im Stich ließ. Als ich mich heute abend umwandte und sah, wer hinter mir war, weißt du, was ich da dachte? ›Sie ist nach Zeray gekommen, um mich zu holen, entweder um mich von sich zu weisen oder um mir zu vergeben, um mich zu verurteilen oder um mich nach Quiso zurückzunehmen.‹ Als wäre ich nicht vierzigfach entehrt. Ich fiel ihr zu Füßen und flehte sie um Verzeihung an, sagte ihr, ich sei, was ich dachte, das sie getan habe, nicht wert, bat sie nur um Verzeihung, dann wollte ich sterben. Nun weiß ich, daß, was sie sagte, wahr ist. Gott« – sie ließ ihren Kopf auf die auf den Tisch gestützten Arme sinken und schluchzte bitterlich –, »Gott kann sich leisten zu warten. Gott kann es sich leisten.«
    Kelderek legte seine Hand auf ihre Schulter. »Komm«, sagte er, »heute abend wollen wir nicht mehr reden. Lassen wir diese Gedanken beiseite und erledigen wir nur

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