Shardik
Ich bin schmutzig.« Da wurde ihm bewußt, daß das Mädchen immer noch nicht gesprochen hatte, und er fragte sie: »Wie geht es der Tuginda?«
»Besser. Ich glaube, sie erholt sich langsam.«
Nun lächelte sie, und er merkte sofort, daß ihre natürliche Besorgnis über das Handgemenge vor dem Haus, ihr Ärger über ihn nur Wolken vor der Sonne gewesen waren. »Du auch«, dachte er, sie anblickend. Ihre Gegenwart war belebt durch einen neuen Reiz, zugleich natürlicher und bezaubernder Art, wie Schnee auf einer Bergspitze oder eine Taube auf einem Myrtenbaum. Wo ein anderer nichts bemerkt hätte, war die Änderung für ihn so klar und eindeutig wie die von Frühlingszweigen, sobald sich das erste Grün der sprossenden Blätter zeigt. Ihr Gesicht wirkte nicht mehr angespannt. Ihre Haltung und Bewegung, selbst ihr Sprechrhythmus waren ruhiger, sanfter und selbstsicherer. Als er sie nun ansah, brauchte er nicht mehr sein Gedächtnis zu bemühen, um die schöne Priesterin aus Quiso vor sich zu sehen.
»Sie erwachte am Nachmittag, und wir unterhielten uns einige Zeit. Das Fieber war gesunken, und sie konnte ein wenig essen. Nun schläft sie wieder, aber ruhiger.«
»Eine gute Nachricht«, sagte Kelderek. »Ich fürchtete, sie hätte sich angesteckt – eine Seuche. Nun glaube ich, es war nur Schock und Erschöpfung.«
»Sie ist noch schwach. Sie wird noch einige Zeit Ruhe und Schlaf brauchen; und auch frische Kost, aber die können wir hoffentlich bekommen. Bist du ein Zauberer, Kelderek, daß du in Zeray Forellen fängst? Es sind wohl die ersten, die ich sehe. Wie hast du das gemacht?«
»Ich wußte, wo man sie findet und wie man sie fängt.«
»Das ist ein gutes Vorzeichen. Glaube daran, nicht wahr, denn ich tue es auch. Aber bleib morgen hier, geh nicht wieder aus, denn Ankray soll nach Lak gehen. Wenn er vor Einbruch der Nacht zurück sein soll, braucht er den ganzen Tag.«
»Lak? Wo liegt Lak?«
»Lak ist das Dorf, von dem ich dir erzählte, zwölf oder vierzehn Kilometer nördlich von hier. Der Baron nannte es stets seinen geheimen Speiseschrank. Glabron raubte einmal Lak aus und ermordete dort einen Mann, und als der Baron Glabron getötet hatte, sorgte ich dafür, daß sie es erfuhren. Er versprach ihnen, sie würden nie wieder von Zeray belästigt werden, und als er später die Macht übernahm – oder so viel Macht, als wir eben je hatten –, schickte er immer einige Leute zur Erntezeit und für den Hüttenbau nach Lak – Leute, denen er vertrauen konnte. Schließlich bekamen ein paar die Erlaubnis, sich in Lak niederzulassen. Das gehörte zu einem weiteren Plan des Barons, der überall in der Provinz Leute aus Zeray ansiedeln wollte. Der Plan kam, wie so viele andere, nicht sehr weit, weil es an Material mangelte, aber er verhalf uns wenigstens zu etwas – zu einer privaten Speisekammer. Bel-ka-Trazet verlangte nie etwas von Lak, sondern wir machten Tauschgeschäfte, wie ich es dir erzählte, und der Dorfälteste fand es klug, ihm ab und zu Geschenke zu schicken. Seit er gestorben ist, scheinen sie jedoch abzuwarten, was geschieht, denn wir erhielten keine Nachricht, und als ich allein war, hatte ich Angst, Ankray so weit fortzuschicken. Da du nun hier bist, kann er hingehen und unser Glück versuchen. Ich habe etwas Geld, das ich ihm geben kann. Er ist in Lak natürlich bekannt, und vielleicht schicken sie uns ein wenig Frischkost, eingedenk der alten Zeiten.«
»Wären wir nicht alle vier dort sicherer als in Zeray?«
»Nun, ja – wenn sie uns dulden wollen. Wenn es Ankray morgen möglich ist, wird er dem Dorfoberhaupt von Farrass’ und Thrilds Flucht sowie von der Tuginda und dir erzählen. Aber du kennst ja die Mentalität der Dorfältesten – halb Ochs, halb Fuchs, sagt man. Ihre frühere Angst vor Zeray wird wohl wieder vorherrschen; und wenn wir ihnen zu verstehen geben, daß wir eiligst von hier fortkommen wollen, werden sie sich fragen, warum, und sich noch mehr ängstigen. Wenn wir in Lak Zuflucht fänden, könnten wir einen Ausweg aus dieser Falle finden, aber wir dürfen vor allem keine Hast zeigen. Außerdem können wir erst fortgehen, wenn die Tuginda gesund ist. Ankray kann bestenfalls morgen die Lage erkunden. Sind deine Fische bereit? Gut. Ich werde drei davon braten und die anderen zwei beiseite legen. Heute abend machen wir uns ein Festessen, denn um dir die Wahrheit zu sagen« – sie senkte die Stimme vorgeblich geheimnisvoll, neigte sich lächelnd zu ihm und sagte hinter
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