Shardik
abzumühen, um ihre Schuld wiedergutzumachen, sondern einfach zu warten, unaufhörlich zu harren in der Hoffnung und Erwartung der Wiedergutmachung. Viele irren, indem sie diese Hoffnung aufgeben, indem sie den Glauben verlieren, daß sie immer noch Söhne und Töchter sind.«
Er schüttelte den Kopf und starrte mit einem so bestürzten Blick in ihr lächelndes, vom Wein gerötetes Gesicht, daß sie in Lachen ausbrach und dann, indem sie sich vorneigte, um die Glut zu schüren, den Kehrreim eines alten ortelganischen Wiegenlieds, das er schon fast vergessen hatte, halb murmelte, halb sang:
»Wohin geht der Mond jeden Monat,
und wohin sind die alten Jahre entflohen?
Plag den alten Kopf doch nicht, mein Lieber,
plag ihn nicht, den armen, alten Kopf.
Du wußtest nicht, daß ich das kannte, nicht?«
»Du bist glücklich«, sagte er und beneidete sie.
»Und das wirst du auch sein«, sagte sie und griff nach seinen Händen. »Ja, obwohl wir sterben. Nun denn, jetzt haben wir uns genug Fragen gestellt für eine Nacht; es ist Zeit, schlafen zu gehen. Aber ich werde dir etwas Leichteres sagen, und das kannst du verstehen und glauben.« Er blickte sie erwartungsvoll an, und sie sagte mit Nachdruck: »Das war der beste Fisch, den ich jemals in Zeray gegessen habe. Fang noch mehr davon!«
46. Der Kynat
Als Kelderek am nächsten Morgen die Augen aufschlug, wußte er sofort, daß er durch einen ungewöhnlichen Klang geweckt worden war. Unsicher blieb er so still liegen wie in Erwartung eines wilden Tieres. Plötzlich kam der Ton wieder, so nah, daß er zusammenfuhr. Es war der Ruf des Kynats – zwei gleichmäßige Flötentöne, der zweite höher als der erste, gefolgt von einem zirpenden Triller, der plötzlich abbrach. Sofort war er wieder in Ortelga, der Telthearna spiegelte sich an der Innenseite des Hüttendachs, es roch nach dem Rauch von feuchtem Holz, und sein Vater schärfte pfeifend sein Messer an einem Stein. Der schöne goldene und purpurrote Vogel kam im Frühjahr zum Telthearna, blieb jedoch selten dort, sondern flog weiter nordwärts. Trotz seines prächtigen Gefieders brachte es Unglück und war von böser Vorbedeutung, ihn zu töten, denn er meldete den Sommer und schenkte Segen mit seiner Ankündigung für alle – »Kynat! Kynat tschurrrr – ak!« (»Kynat, Kynat wird es sagen!«) Der willkommene und wohlgesinnte Held vieler Lieder und Geschichten wurde einen Monat lang gehört und gepriesen, dann entschwand er und ließ hinter sich als Geschenk die beste Zeit des Jahres. Kelderek biß sich verstohlen auf die Lippe, schlich zum Fenster, hob lautlos die starke Querstange, öffnete den Laden einen Spalt weit und blickte hinaus. Der Kynat saß kaum zehn Meter weit an der gegenüberliegenden Seite des kleinen Hofs. Das leuchtende Purpur auf Brust und Rücken glänzte im ersten Sonnenschein prächtiger als eines Kaisers Banner. Der purpurne, golddurchsetzte Kamm war aufgestellt, und der breite Kranz des Schwanzes, dessen Federn einen Goldrand bildeten, lag ausgebreitet auf den grauen, schräg geneigten Dachziegeln, glänzte wie ein Schmetterling auf einem Stein. Aus solcher Nähe betrachtet, war er unsagbar schön, seine Pracht ließ sich für einen, der ihn nie gesehen hatte, nicht beschreiben. Der Sonnenuntergang auf dem Fluß, die über dem Moos im Schatten hängende Orchidee, die durchsichtigen, farbigen Flammen von Weihrauch und Gummi über den Kupferschalen im Tempel – nichts konnte diesen Vogel übertreffen, der sich in der Morgenstille zur Schau stellte als Vermächtnis, als sichtbares Beispiel der göttlichen Schönheit und Demut. Als Kelderek hinblickte, breitete der Vogel plötzlich seine Schwingen aus und enthüllte die weichen, safranfarbenen Daunen ihrer Unterseiten. Er sperrte den Schnabel auf und rief wieder: »Kynat! Kynat wird es sagen!« Dann flog er fort, ostwärts zum Fluß.
Kelderek öffnete den Fensterladen und stand geblendet in der Sonne, die soeben über der Mauer hochgestiegen war. In dem Augenblick wurde links von ihm ein anderer Laden geöffnet, und Melathys, im Unterhemd, mit nackten Armen und offenem Haar, beugte sich heraus, um dem Flug des Kynats nachzublicken. Als sie Kelderek sah, fuhr sie zusammen und wies dann stumm lächelnd auf den Vogel wie ein Kind, für das Gebärden natürlicher sind als Worte. Kelderek nickte und hob eine Hand mit der Geste, durch welche ortelganische Boten und heimkehrende Jäger eine gute Nachricht ankündigen. Er merkte,
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