Shardik
daß sie, wie er, den Zufall, daß er sie halb nackt sah, als etwas ganz Natürliches betrachtete; nicht daß es unwichtig gewesen wäre, wie etwa in der Verwirrung eines Brandes oder einer anderen Katastrophe, sondern eher, daß dessen Bedeutung wie an einem Festtag von einer Unanständigkeit in eine dem Anlaß angemessene Extravaganz verwandelt wurde. Einfach gesagt, dachte er, hatte der Kynat sie über sich hinausgehoben, denn das paßte zu ihrem Wesen. Und bei diesem Gedanken wurde ihm auch klar, daß er an sie nicht mehr als an die einstige Priesterin aus Quiso oder Gefährtin Bel-ka-Trazets dachte. Sein Verständnis für sie war über diese Bilder hinausgewachsen, die sich nun wie Türen öffneten und ihn zu einer wärmeren, ungeheuchelten Wirklichkeit einließen. Von nun an würde Melathys für ihn eine Frau sein, die er kannte, und er würde, welche Fassade sie auch immer der Welt zeigen würde, ebenso wie sie selbst von innen durchblicken und viel, wenn nicht alles, wissen, das den anderen verborgen blieb. Er merkte, daß er zitterte. Lachend setzte er sich auf das Bett.
Was sich ereignet hatte, das wußte er, beinhaltete einen Widerspruch. Nach allem, was sie gelitten hatte, war sie wahrscheinlich unduldsam gegen konventionelle Anstandsbegriffe. Dessenungeachtet entsprang, was sie getan hatte, ihrem Feingefühl, nicht einer Schamlosigkeit. Durch ihre Freude an dem Kynat hingerissen, wußte sie doch sehr wohl: Kelderek würde begreifen, daß dies keine Einladung in dem Sinne war, wie sie Thrild oder Ruvit zuteil würde. Sie war sicher, er würde, was er sah, einfach als Teil ihrer gemeinsamen Freude an dem Augenblick aufnehmen. Sie hätte sich vor keinem anderen Mann so verhalten. Es war also eigentlich eine Einladung zu einem tieferen Vertrauen, wo Förmlichkeit und sogar Anstand wohl ebenso verwendet wie fallengelassen werden konnten, je nachdem, wie sie als Hilfe oder als Hindernis verstanden werden konnten. In einem solchen Rahmen konnte sinnliche Begierde warten, bis ihr der für sie bestimmte Platz zugewiesen würde.
Soviel begriff Kelderek, obgleich es neu für ihn war und außerhalb aller Erfahrungen stand, die er mit den Verbindungen zwischen Männern und Frauen gemacht hatte. Seine Erregung wuchs. Er sehnte sich nach Melathys, ihrer Stimme, ihrer Gesellschaft, ihrer bloßen Gegenwart, alles andere verlor für ihn seinen Wert. Er war nun entschlossen, ihrer beider Leben zu retten, sie aus Zeray fortzubringen, die Kriege Ikats und Beklas für immer hinter sich zu lassen ebenso wie die bittere Berufung, die ihm ungebeten zugefallen war, und die einst vergeblich gehegte Hoffnung, das große Geheimnis zu entdecken, das ihm Shardik enthüllen würde. Nach Lak zu kommen und von dort irgendwie zu entfliehen mit diesem Mädchen, das ihm den Lebenswillen wiedergeschenkt hatte – er würde es tun, wenn es sich tun ließ. Wenn es ihr möglich wäre, einen Mann zu lieben, würde er sie mit einer in der Welt einmaligen Leidenschaft und Treue gewinnen. Er erhob sich, streckte die Hände aus und begann mit leidenschaftlichem Ernst zu beten.
Er hörte das leise Klopfen eines Stocks auf dem Pflaster des Hofs, drehte sich erschrocken um und sah Ankray in Mantel und Kapuze vor dem Fenster stehen; er trug einen Sack auf der Schulter, an seinem Gürtel hing ein Schwert, und er hatte eine einfache Lanze oder einen kurzen Speer in der Hand. Er legte einen Finger an die Lippen, und Kelderek ging auf ihn zu.
»Gehst du nach Lak?« fragte er.
»Ja, Herr. Die Priesterin gab mir ein wenig Geld, und damit werde ich schon einiges besorgen können. Du mußt hinter mir das Tor abschließen. Ich wollte dir noch etwas sagen, ohne es der Priesterin mitzuteilen: auf der Straße liegt ein Toter – ein Fremder, nehme ich an, vielleicht ein Neuankömmling; die erwischt es hier meist am ehesten. Du mußt dich sehr in acht nehmen, solange ich fort bin. Ich würde an deiner Stelle nicht ausgehen, Herr, oder die Frauen allein lassen. Im Augenblick kann in der Stadt alles mögliche geschehen.«
»Aber solltest nicht gerade du achtgeben?« fragte Kelderek. »Glaubst du, daß du fortgehen kannst?«
Ankray lachte. »Ach, die können mir nichts anhaben«, sagte er. »Der Baron pflegte immer zu sagen: ›Ankray‹, sagte er, ›du schlägst sie nieder, ich hebe sie auf.‹ Aber eigentlich braucht man sie doch nicht aufzuheben, Herr, nicht wahr? Ich schlag sie also einfach nieder, es läuft aufs gleiche hinaus, verstehst du?«
Sichtlich
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