Shardik
hoch befriedigt von seiner unbestreitbaren Logik lehnte sich Ankray bequem an die Mauer. »Ja, Herr«, wiederholte er, »der Baron sagte immer: ›Ankray, du schlägst sie zu Boden –‹«
»Ich begleite dich zum Ausgang«, sagte Kelderek und entfernte sich vom Fenster. Am Hofausgang schob er die Riegel zurück und trat als erster auf die leere Straße. Der Tote lag etwa dreißig Meter entfernt mit offenen Augen und gespreizten Armen auf dem Rücken. Gesicht und Hände waren bleich und wächsern; aufgrund seiner ausgestreckten unnatürlichen Haltung und durch die wenigen zerrissenen, am Körper verbliebenen Kleidungsstücke sah er mehr wie Abfall, wie etwas Zerbrochenes und Fortgeworfenes als wie eine Leiche aus. Ein Finger war abgetrennt worden, wahrscheinlich, um einen Ring zu rauben, und der Stumpf hob sich gegen die blasse Hand als roter Kreis ab.
»Du siehst also, Herr, wie die Sache liegt«, sagte Ankray. »Ich mache mich jetzt auf den Weg. Wenn du auf mich hörst, läßt du ihn liegen. Andere werden ihn fortbringen – dessen kannst du sicher sein. Sollte ich zufällig bei Einbruch der Dunkelheit noch nicht zurück sein, sei bitte so freundlich und warte auf mich im Hof, wie ich gestern auf dich gewartet habe. Aber ich werde keine Zeit vertrödeln.«
Er schwang seinen Sack auf die Schulter, blickte sich aufmerksam um und entfernte sich.
Kelderek verriegelte die Tür und ging zurück ins Haus. Ankray hatte in der Küche saubergemacht und den Herd gereinigt, und Kelderek wusch sich in kaltem Wasser, als Melathys mit einem dunkelroten Gewand und anderen Kleidungsstücken eintrat. Kelderek war mit dem Kopf über den Eimer gebeugt, blickte lächelnd zu ihr empor und schüttelte sich das Wasser aus Augen und Ohren.
»Die haben dem Baron gehört«, sagte sie, »aber deshalb braucht man sie nicht ewig zusammengelegt im Schrank zu lassen. Sie werden dir ebenso gut passen wie deine Soldatenkleider und viel bequemer sein.« Sie legte sich nieder, füllte einen Krug für die Tuginda an und trug ihn fort.
Beim Anziehen fragte sich Kelderek, ob das vielleicht das Gewand sei, in dem Bel-ka-Trazet aus Ortelga geflohen war. Wenn nicht, konnte er es nur einem seither getöteten Feind abgenommen haben, denn es war unvorstellbar, daß ein solches Gewand in Zeray verkauft worden wäre. Elleroth selbst, dachte er, hätte es getrost tragen können. Es war aus erstklassigem Tuch, gleichmäßig dunkelrot gefärbt, und die Handarbeit war so gut, daß die Nähte fast unsichtbar waren. Es war, wie Melathys gesagt hatte, sehr bequem und weich, und allein die Tatsache, daß er es trug, schien ihn eine Stufe höher zu stellen, als er sich bei seinen schrecklichen Wanderungen und den dabei erduldeten Leiden befunden hatte.
Die Tuginda saß, abgemagert und hohläugig, aufrecht an die Wand hinter dem Bett gelehnt. Melathys kämmte ihr das Haar. Kelderek nahm eine ihrer Hände in die seinen und fragte, ob er ihr etwas zu essen bringen solle. Sie schüttelte den Kopf.
»Später«, sagte sie. Dann, nach einer Weile: »Dank dir, Kelderek, für deine Hilfe, um nach Zeray zu kommen; und ich muß dich bitten, mir zu verzeihen, daß ich dich in einer Sache täuschte.«
»Inwiefern hast du mich getäuscht, Saiyett?«
»Ich wußte natürlich, was aus dem Baron geworden war. Jede Nachricht erreicht Quiso. Ich erwartete, ihn hier zu finden, sagte es dir aber nicht. Ich merkte, daß du schwer erschüttert und erschöpft warst, und hielt es für besser, dich nicht noch mehr zu beunruhigen. Aber er hätte dir nichts zuleide getan, und auch mir nicht.«
»Du brauchst dich nicht bei mir zu entschuldigen, Saiyett, aber da du es tust, vergebe ich dir gern.«
»Melathys sagte mir, daß es nun, nach dem Tode des Barons, für uns keine Möglichkeit gibt, in Zeray Hilfe zu finden.«
Sie seufzte tief und starrte mit so enttäuschtem und hoffnungslosem Blick auf ihre sonnenbestrahlten Hände auf der Decke, daß er gerührt war und, wie man das manchmal aus Mitleid tut, mehr sagte, als er mit Sicherheit wußte.
»Mach dir keine Sorgen, Saiyett. Es ist natürlich richtig, daß es hier von Gaunern und noch Schlimmerem wimmelt, aber sobald du dich wohler fühlst, werden wir fortgehen – Melathys, du und ich und der Diener des Barons. Im Norden, nicht weit von hier, gibt es ein Dorf, wo wir hoffentlich Zuflucht finden können.«
»Melathys hat es mir erzählt. Der Diener ist heute hingegangen. Wird der Arme unverletzt bleiben?«
Kelderek lachte. »Es gibt
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