Shardik
war wie ein Ei vom Dotter. Er hätte es am liebsten aufgebrochen, um zuzusehen, wie der dickflüssige, schmerzende Inhalt sich zu seinen Füßen über den Boden ergoß.
Jemand sprach ihn an. Noch einmal schlug er die Augen auf und hob den Kopf. Es war Kavass, der Pfeilmacher seines Vaters, ein bescheidener, schlichter Mann, der ihm als Junge das Bogenschießen beigebracht hatte. Mit ihm waren vier oder fünf Kameraden, die – so schien es Ta-Kominion – Kavass veranlaßt hatten, mit ihnen zum Anführer zu kommen, um einen Streit zwischen ihnen zu schlichten. Der Pfeilmacher war groß, so groß wie Ta-Kominion, und blickte ihn mit ehrerbietiger Zuneigung und voll Mitleid an. Er reagierte darauf mit einer Grimasse und brachte dann ein verzerrtes Lächeln zustande.
»Fieberanfall, Herr, wie?« sagte Kavass respektvoll. Alles an ihm – seine Haltung, sein Aussehen und der Klang seiner Stimme – sollten Ta-Kominion in seiner Stellung als Anführer bestätigen und zugleich die menschliche Beziehung der beiden betonen.
»Sieht so aus, Kavass«, antwortete er. Seine Worte dröhnten in seinem Kopf, ohne daß er wußte, ob er tatsächlich laut oder leise sprach. »Es wird vorübergehen.« Er biß die Zähne zusammen, damit sie nicht weiterklapperten und ihn daran hinderten zu hören, was Kavass als nächstes sagte. Er wollte sich schon abwenden, als er merkte, daß sie alle auf seine Antwort warteten. Er schwieg, blickte aber Kavass unverwandt an, als erwarte er, daß er noch etwas sage. Kavass schien verwirrt.
»Also, Herr, ich meinte nur – gewiß mit allem Respekt –, als er damals am Morgen an Land kam, und Ihr wart bei ihm, sagte er Euch da, er werde wiederkommen – er werde dort sein und dafür sorgen, daß wir siegen?« fragte Kavass.
Ta-Kominion starrte ihn weiter an, wollte erraten, was er meinte. Die Männer wurden unruhig.
»Hat nichts mit uns zu tun«, brummte einer. »Ich hab es ja gesagt, mit uns hat das nichts zu tun.«
»Also, es ist nur so, Herr«, fuhr Kavass fort. »Ich war als einer der ersten bei Euch damals am Morgen, und als unser Herr Shardik über das Wasser schwamm, sagtet Ihr uns, er wisse genau, daß Ortelga schon so gut wie erobert sei, und er gehe nun nach Bekla – um uns den Weg zu zeigen. Und nun möchten wir wissen, Herr, ob er dort sein und für uns siegen wird, wenn es zum Kampf kommt.«
»Wir müssen doch siegen, nicht wahr, Herr?« warf ein anderer ein. »Es ist Shardiks Wille – Gottes Wille.«
»Woher weißt du das?« meinte ein vierter, ein grober Kerl mit skeptischem Blick und geschwärzten Zähnen. Er spuckte auf den Boden. »Glaubst du denn, ein Bär redet, wie? Ein Bär?«
»Nicht mit dir«, antwortete Kavass verächtlich. »Natürlich redet er nicht mit Leuten wie du – übrigens auch nicht mit mir. Ich habe dir nur erzählt, daß unser Herr Shardik sagte, wir sollen gegen Bekla marschieren und daß er selbst hingeht. Es ist also logisch, daß er erscheinen wird, wenn wir den Kampf ausfechten. Wenn du nicht unserem Herrn Shardik vertraust, warum bist du dann hier?«
»Na ja, je nachdem«, sagte der Mann mit den geschwärzten Zähnen. »Vielleicht wird er dort sein, vielleicht auch nicht. Ich habe nur gesagt, Bekla ist eine Festung. Dort gibt’s Soldaten.«
»Schweig!« rief Ta-Kominion. Er ging mit möglichst festem Schritt auf den Mann zu, faßte dessen Kinn mit der Hand, hob seinen Kopf und versuchte, den Blick auf sein Gesicht zu heften. »Du lästernder Narr! Unser Herr Shardik kann dich jetzt hören – und auch sehen! Du aber wirst ihn erst zur festgesetzten Zeit sehen, denn er will deinen Glauben erproben.«
Der um mindestens zwanzig Jahre ältere Mann starrte Ta-Kominion verdrossen und wortlos an.
»Du kannst dessen sicher sein«, sagte Ta-Kominion so laut, daß alle in der Nähe ihn hören konnten, »Shardik, unser Herr, hat die Absicht, für die zu kämpfen, die an ihn glauben. Und er wird erscheinen, wenn sie kämpfen – er wird denen erscheinen, die es verdienen! Nicht aber jenen, die eine Holzlaus als Gott verdienen.«
Im Davonstolpern fragte er sich wieder, wie lange Kelderek wohl brauchen werde, um sie einzuholen. Wenn alles gutging, sollte es, während das Heer das Nachtlager aufschlug, möglich sein, mit Kelderek zu besprechen, wie sie sich Shardik am besten zunutze machen könnten. Shardik mußte, was auch immer später von Balthis und den anderen Männern, die nun bei Kelderek waren, enthüllt werden mochte, dem Feind in
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