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Shogun

Shogun

Titel: Shogun Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Clavell
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Bewegung. Die Spitze bildeten die Herolde, Banner mit dem Wappen des allmächtigen Regentschaftsrats in der Hand, dann kam die reichgeschmückte Reisesänfte und schließlich die Leibgarde.
    Die Leute aus dem Ort verneigten sich. Alle lagen auf den Knien und gafften offenen Mundes, überwältigt von soviel Reichtum und Gepränge. Der Dorfschulze hatte vorsichtshalber angefragt, ob er das gesamte Dorf zu Ehren des Tages zusammenholen solle. Toranaga hatte ihn wissen lassen, diejenigen, die nicht gerade arbeiteten, dürften, sofern ihre Herren dazu die Erlaubnis gäben, zuschauen. So ließ sich keiner, der es einrichten konnte, das Schauspiel entgehen, und viele sahen noch heimlich hinter Türen und Fenstern verborgen zu. Saigawa Zataki, Herr von Shinano, war größer als Toranaga und um fünf Jahre jünger, wies jedoch die gleichen breiten Schultern und die weit vorspringende Nase auf. Sein Bauch jedoch war flach, seine Bartstoppeln schwarz und dicht, und seine Augen waren kaum mehr als schmale Schlitze in seinem Gesicht. Wiewohl zwischen den beiden Halbbrüdern eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit zu bestehen schien, wenn man sie nicht zusammen sah, waren sie jetzt, wo sie nebeneinander standen, doch grundverschieden. Zataki trug einen reichbestickten Kimono; sein Harnisch blitzte, und seine Schwerter zeugten von vielem Gebrauch.
    »Willkommen, Bruder!« Toranaga trat vom Podest herunter und verneigte sich. Er trug einen betont schlichten Kimono und den strohgeflochtenen Schulterschutz des einfachen Kriegers. Und seine Schwerter. »Bitte, verzeiht, daß ich Euch so wenig förmlich begrüße, aber ich bin so rasch wie möglich hierhergeeilt.«
    »Verzeiht mir bitte, daß ich Euch störe. Ihr seht gut aus, Bruder. Sehr gut.« Zataki stieg aus der Sänfte, verneigte sich und machte den Anfang mit den endlosen, peinlichst genau zu beachtenden Förmlichkeiten des Zeremoniells, dem sie sich jetzt beide zu unterziehen hatten.
    »Bitte, nehmt auf diesem Kissen Platz, Herr Zataki!«
    »Bitte, verzeiht, aber es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr zuerst Platz nehmen würdet, Herr Toranaga.«
    »Zu freundlich. Aber, bitte, erweist mir doch die Ehre, Euch als erster hinzusetzen.«
    Sie fuhren fort, jenes Spiel zu spielen, das sie beide schon ungezählte Male zuvor gespielt – miteinander, mit Freunden und Feinden beim Ringen um die Macht, und sie genossen dabei die Regeln, die jede Bewegung und jeden Satz bestimmten und ihre persönliche Ehre schützten, so daß keiner von ihnen einen Fehler begehen und sich und seinen Auftrag gefährden konnte.
    Endlich saßen sie einander auf den beiden Kissen gegenüber, zwei Schwertlängen voneinander entfernt. Links hinter Toranaga saß Buntaro, links hinter Zataki sein Oberster Ratgeber, ein älterer, grauhaariger Samurai. Rings um das Podest, in zwanzig Schritt Entfernung, hatten Toranagas Samurai sich niedergelassen, absichtlich noch in derselben Aufmachung, mit der sie den Ritt bewältigt hatten – nur ihre Waffen waren in bestem Zustand. Omi saß am Rand des Podests auf der Erde, Naga auf der anderen Seite. Zatakis Männer waren reich gekleidet, ihre Überwürfe mit den flügelähnlichen breiten Schultern mittels silberner Spangen geschlossen. Freilich waren sie genauso vorzüglich bewaffnet wie Toranagas Leute. Sie nahmen gleichfalls zwanzig Schritt vom Podest entfernt Platz.
    Mariko schenkte Cha aus, und jetzt entspann sich zwischen den beiden Brüdern eine harmlose, förmliche Unterhaltung. Als es an der Zeit war, verneigte Mariko sich und zog sich zurück. Buntaro war sich ihrer Gegenwart schmerzlich bewußt; großer Stolz ob ihrer Anmut und Eleganz erfüllte ihn. Und dann, ein wenig zu früh, sagte Zataki: »Ich überbringe Befehle vom Regentschaftsrat.«
    Tiefstes Schweigen legte sich über den Platz. Alle, selbst seine eigenen Männer, waren entsetzt über Zatakis Mangel an guten Manieren und über die Unverfrorenheit, mit der er ›Befehle‹ gesagt hatte und nicht ›Botschaften‹ – sowie darüber, daß er es nicht hatte abwarten können, bis Toranaga die vom Zeremoniell vorgeschriebene Frage gestellt hatte: »Womit kann ich Euch dienlich sein?«
    Naga blickte zu seinem Vater hinüber und sah, daß dessen Nacken sich rötete: ein unfehlbares Zeichen, daß es gleich zu einem Ausbruch kommen würde. Doch Toranaga hatte sich in der Gewalt; Naga war überwältigt von seiner höflichen und beherrschten Erwiderung: »Verzeiht, Ihr habt Befehle? Für wen, Bruder? Ihr habt doch

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