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Shogun

Shogun

Titel: Shogun Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Clavell
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den Schriftrollen nicht die Rede war. Es ist nur recht und billig und aller Ehren wert, ihm die Zeit zu geben, die er verlangt.«
    Zataki hob die zweite Schriftrolle, die noch auf den Tatamis lag, auf und stopfte sie wieder in seinen Ärmel. »Sehr wohl, ich bin einverstanden, Herr Toranaga, bitte, verzeiht meine schlechten Manieren. Zuletzt sagt mir bitte, wo Kasigi Yabu ist? Ich habe eine Schriftrolle für ihn. In diesem Fall nur eine.«
    »Ich werde ihn zu Euch schicken.«
    Der Falke legte seine Schwingen zusammen und stürzte dreihundert Meter aus dem Abendhimmel herunter auf die flüchtende Taube. Federn stoben in alle Richtungen. Dann packte er sie mit seinen Greifern und trug sie ostwärts, fiel aber währenddessen immer noch wie ein Stein. Nur wenige Meter überm Boden ließ er die nunmehr tote Beute fahren, breitete seine Schwingen aus, um sich abzufangen, und landete direkt auf der Taube. » Ek-ek-ek-ekkk !« ließ er seinen Ruf vernehmen, plusterte stolz die Halsfedern und riß in seinem Siegestaumel der Taube mit den Greifern den Kopf ab.
    Toranaga kam mit Naga als seinem Stallmeister herbeigesprengt. Der Daimyo glitt von seinem Pferd herab. Mit sanfter Stimme lockte er den Falken zurück auf seine Faust. Gehorsam hüpfte der auf seinen Handschuh und wurde augenblicklich mit einem Brocken von einer früheren Beute dafür belohnt. Toranaga verkappte ihn und zog die Schnüre mit den Zähnen fest. Naga hob die Taube auf und steckte sie in die bereits halbvolle Jagdtasche, die am Sattel seines Vaters befestigt war, drehte sich dann um und winkte die in der Ferne wartenden Treiber und Wachen heran.
    Toranaga saß wieder auf, den Falken auf seinem Handschuh, an den er mittels eines ledernen Fußriemens gebunden war. Er blickte zum Himmel auf und schätzte ab, wieviel Tageslicht ihnen noch für die Jagd blieb.
    Am Spätnachmittag war die Sonne durchgebrochen, und jetzt, wo der Tag sich rasch seinem Ende näherte und die Sonne längst hinter dem westlichen Höhenkamm verschwunden war, herrschte eine angenehme Kühle. Die Wolken waren von dem vorherrschenden Wind in nördlicher Richtung abgedrängt worden und sammelten sich um die Gipfel der Berge.
    »Morgen sollte es eigentlich einen schönen Tag geben, Naga-san. Wolkenlos, würde ich meinen. Ich glaube, ich gehe gleich bei Sonnenaufgang auf die Jagd.«
    »Ja, Vater.« Naga beobachtete ihn. Er wußte nicht, wo ihm der Kopf stand, und wagte keine Fragen zu stellen, obwohl er vor Neugier brannte. Es war ihm unbegreiflich, wie sein Vater nach einem derart scheußlichen Treffen so gelassen bleiben konnte.
    Er hatte Zataki mit einer Verneigung verabschiedet, wie es sich geziemte, und dann sogleich seine Falken, Treiber und Wachen herbeibefohlen und sie in das hügelige Land jenseits des Waldes geschickt. All das wollte Naga wie ein geradezu übermenschliches Beispiel von Selbstbeherrschung erscheinen. Allein bei dem Gedanken an Zataki überlief Naga eine Gänsehaut.
    Seine Augen machten die Reiter aus, die weiter unten aus dem Waldrain hervorbrachen und jetzt über die sanft gewellten Vorberge hinweg auf sie zugaloppiert kamen. Hinter dem Dunkelgrün des Waldes nahm sich der gewundene Fluß wie ein schwarzes Band aus. Die Lichter der Gasthäuser glimmten wie Glühwürmchen. »Vater!«
    »Eh? Ach ja, ich sehe sie jetzt. Wer ist es?«
    »Yabu-san, Omi-san und … acht Wachen.«
    Ohne weiter darüber nachzudenken, fuhr Naga fort: »Ich hätte Yabu-san nicht allein zu Herrn Zataki gelassen, ohne …« Er hielt inne und wurde unsicher: »Bitte, verzeiht, Vater.«
    »Warum hättet Ihr Yabu-san nicht allein hingeschickt?«
    Jetzt verfluchte Naga sich, daß er den Mund aufgemacht hatte, und er wand sich unter dem forschenden Blick seines Vaters. »Verzeiht, aber weil ich dann niemals wissen würde, welche geheimen Abmachungen sie getroffen haben könnten. Er wäre dazu imstande, Vater, ohne weiteres. Ich hätte sie voneinander ferngehalten – bitte, verzeiht mir. Aber ich traue ihm nicht.«
    »Wenn Yabu-san und Zataki-san hinter meinem Rücken Verrat planen, werden sie das tun, ob ich nun Zeugen mitschicke oder nicht. Manchmal ist es weise, einem Wild, hinter dem man her ist, noch etwas Leine zu geben – so fängt man Fische, neh?«
    »Ja – bitte, verzeiht mir.«
    Toranaga ging auf, daß sein Sohn es nicht begriff, es nie begreifen würde, er nie etwas anderes sein würde als ein Habicht, der sich bedenkenlos, unbeirrt und mit tödlicher Sicherheit auf seinen Feind

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